Wissen : Viel Platz im Ausland

Turboabitur bremst den Schüleraustausch

Gina Apitz
Welcome back. Berliner Schüler bei ihrer Rückkehr aus Kanada. Foto: Thilo Rückeis
Welcome back. Berliner Schüler bei ihrer Rückkehr aus Kanada. Foto: Thilo Rückeis

Schüler, die das kommende Schuljahr im Ausland verbringen wollen, haben derzeit gute Karten. Bei den meisten gemeinnützigen Austauschorganisationen wäre im Februar längst Bewerbungsschluss. Doch in diesem Jahr sind zahlreiche Plätze frei. „Partnership International“ zum Beispiel kann noch 20 Schüler in die USA schicken, normalerweise ist das Land der Favorit unter den Bewerbern. Auch in Kolumbien, Argentinien und Irland kann die Organisation noch Gastfamilien vermitteln.

Grund für das mangelnde Interesse: Das von neun auf acht Jahre verkürzte Abitur (G8), das 2012 in Berlin, Brandenburg, Bremen und Baden-Württemberg zu doppelten Abiturjahrgängen führt. 2013 dann auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. „Die Verkürzung verunsichert Schüler, Eltern und Lehrer“, sagt Jörg Plogmaker, Geschäftsführer von „Partnership International“. 200 Schüler schickt die Organisation normalerweise pro Jahr in alle Welt. Diesmal wollten 20 Prozent der Bewerber nach ihrer Zusage das Austauschjahr gar nicht antreten. „Das ist uns vorher noch nie passiert“, sagt Plogmaker.

Beim deutschen „Youth for Understanding Komitee“ (YFU) sind noch Plätze in 28 Ländern frei – viele in Osteuropa und Südamerika. Wer noch Interesse hat, kann sich bis zum 28. Februar bewerben. Nach Einführung des Kurzabiturs in Hamburg hätten sich deutlich weniger Schüler beworben, sagt Susanne Kordasch, Sprecherin der Austauschorganisation.

In Berlin können Schüler nun nur noch nach der 10. Klasse ins Ausland gehen. Das Jahr müssen sie wiederholen, weil sie sich ab der 11. Klasse in der Abiturphase befinden. Für viele ein Grund, in Deutschland zu bleiben. „Das Auslandsjahr ist kein verlorenes, sondern ein gewonnenes Jahr“, sagt dagegen Silke Niehaus-Weingärtner. Die 54-Jährige arbeitet seit fünf Jahren ehrenamtlich bei Partnership International, vor 36 Jahren war sie selbst Austauschschülerin in den USA. Sie will der Jugend die Angst davor nehmen, ein Jahr im Ausland dazwischenzuschieben. Schließlich bringe der Aufenthalt viele Vorteile. Die Jugendlichen seien danach reifer und würden neue Unterrichtsmethoden kennenlernen. Das helfe dann auch auf dem Weg zum Abi.

Abschreckend wirke das Wiederholungsjahr, glaubt Justus Niemzok, der sich ehrenamtlich bei der Austauschorganisation AFS engagiert. Wenn sie aus dem Ausland zurückkommen, sitzen die Schüler nicht mehr mit Gleichaltrigen im Unterricht. „Sie absolvieren dann lieber einen Freiwilligendienst nach dem Abitur.“ In Berlin sei der Rückgang durch das Turbo-Abitur stark spürbar, sagt Niemzok. Früher hätten die Schüler von selbst angefragt. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, neue Bewerber zu suchen.“ 50 freie Plätze kann AFS noch vergeben – vor allem in Brasilien, Thailand, China. Bewerben sollte man sich so schnell wie möglich.

Bei „Open door international“ können sich Schüler mehr Zeit lassen. „Wir haben noch viele freie Plätze für die USA, Neuseeland oder Südamerika“, sagt Sprecherin Lina Jakobs. Bis Juni werden Bewerbungen angenommen. Mangelndes Interesse hat Jakobs bisher nicht festgestellt. Auch bei „Experiment“ sind die Bewerberzahlen bisher nicht rückläufig, sagt Mitarbeiterin Petra Keller. Und wer nicht ins Ausland gehen wolle, könne sich die Welt nach Hause holen. „Wir sind immer auf der Suche nach netten Gastfamilien für ausländische Jugendliche.“ Gina Apitz

Partnership International lädt am 17. Februar um 19 Uhr zu einer Infoveranstaltung zum Auslandsjahr in die Marienstraße 2 in Mitte ein.

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