Volkskrankheit : Bei Rückenschmerzen wird zu schnell operiert

Bei Rückenschmerzen sind die Ursachen oft unbekannt - und es wird viel zu häufig operiert, obwohl Studien eindeutig dagegensprechen. Orthopäden fordern eine bessere Schmerztherapie.

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Verrückt. Sind Bandscheiben verschoben oder machen Wirbelknochen Probleme, dann ist eine Operation nicht immer die beste Lösung, um chronische Schmerzen zu lindern.
Verrückt. Sind Bandscheiben verschoben oder machen Wirbelknochen Probleme, dann ist eine Operation nicht immer die beste Lösung,...Foto: picture alliance / dpa

„Rücken“ hat fast jeder und jede schon einmal gehabt. Rund 25 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung, geben sogar an, chronisch unter mehr oder weniger starken Rückenschmerzen zu leiden. In den Praxen der Orthopäden geben sich die besonders Geplagten die Klinke in die Hand: Jeder dritte Patient kommt zu ihnen, weil ihm oder ihr der Rücken wehtut. So ist es denn nicht weiter verwunderlich, dass Rückenschmerzen beim diesjährigen Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, der jetzt in der Messe Berlin stattfand, eines der Schwerpunktthemen waren.

Schmerzen: Nur bei jedem Siebten ein eindeutiger körperlicher Grund

„Der Rücken ist kein Organ wie Leber oder Niere“, sagte dort Hans-Raimund Casser, Orthopäde und Ärztlicher Direktor des DRK-Schmerzzentrums Mainz. Allenfalls bei jedem Siebten, den Schmerzen im Bereich der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule plagen, lasse sich ein eindeutiger körperlicher Grund dafür ausmachen. Nur solche Fälle von Rückenschmerz bezeichnen die Mediziner als „spezifisch“: etwa einen Bandscheibenvorfall, der Nervenwurzeln beeinträchtigt, die aus dem Rückenmarkskanal austreten.

Deutliche Warnzeichen („red flags“) für eine solche Beteiligung des Ischiasnervs sind Taubheitsgefühle und Lähmungen in einem Bein oder ein Verlust der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktionen von Blase oder Darm. Die Ärzte müssen einen Patienten, der mit Rückenschmerzen in die Praxis kommt, gründlich untersuchen und danach befragen. Röntgenaufnahmen und Magnetresonanz-Tomogramme (MRTs) sind aber nur nötig, wenn sich aus den Symptomen und der körperlichen Untersuchung ein besonderer Verdacht ergibt. Ansonsten sind die Bilder eher geeignet, überflüssige Ängste zu schüren. Die Mehrzahl der über 30-Jährigen wies degenerative Veränderungen der Wirbelsäule auf, die sich dann auf den Bildern zeigen, sagt Peer Eysel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universität Köln. Den meisten verursache das überhaupt keine Beschwerden. Eysel warnt vor „zum Teil dramatischen Interpretationen eigentlich normaler radiologischer Befunde“.

Lädierte Bandscheibe - und nichts bemerkt

Schon im Jahr 1994 konnte das in Kalifornien Maureen Jensen mit einer viel beachteten Studie untermauern: 98 Erwachsene ohne Rückenbeschwerden waren dafür in das MRT-Gerät gelegt worden. Nur bei 36 Prozent zeigte sich gar keine Auffälligkeit. Bei 52 Prozent von ihnen wölbte sich zumindest eine Bandscheibe deutlich vor, 27 Prozent hatten einen Bandscheibenvorfall, 38 Prozent sogar auffällige Befunde an mehr als einer Bandscheibe.

Das vom Arzt zu hören und selbst auf dem Bild zu sehen, kann belasten. Dabei sei es doch gerade entscheidend, den „Prozess der Katastrophisierung“ zu verhindern, sagt Eysel. Mit einer optimistischen Grundhaltung und viel körperlicher Bewegung hätten die meisten Rückenleidenden schließlich gute Karten. Menschen mittleren Alters, die fürchten, dass mit den Jahren ihre Kreuzschmerzen unweigerlich weiter zunehmen werden, beruhigt der Orthopäde: „Ihre Häufigkeit geht im Lauf des Lebens zurück.“ Ob das an Veränderungen der Bandscheiben selbst, an einer verringerten Beweglichkeit der Wirbelsäule oder doch eher an einer gewandelten Haltung gegenüber dem Schmerz liegt, ist allerdings nicht ganz klar.

Spritze als Übergangslösung

„In den meisten Fällen können wir die Betroffenen aber beruhigen“, sagt auch Casser. Denn beim unspezifischen Rückenschmerz liegen die Ursachen meist in den Muskeln, in Verspannungen und Funktionsstörungen. Der Orthopäde plädiert dafür, in akuten Fällen zunächst Mittel gegen die Schmerzen zu verordnen. Also für Linderung zu sorgen, damit die Patienten sich wieder bewegen können. „Manchmal kann auch eine Spritze dabei helfen, wieder Mut zu fassen. Sie ist aber nicht die Lösung.“

Dass die Wirksamkeit rückenmarksnaher Injektionen und Katheter oder operativer Eingriffe beim nicht spezifischen Rückenschmerz nicht wissenschaftlich belegt ist und die Orthopäden in diesen Fällen davon lieber die Finger lassen sollten, hält die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz aus dem Jahr 2011 fest. In den sechs Jahren vor deren Erscheinen hatte die Zahl der Bandscheibenoperationen in Krankenhäusern um 70 Prozent zugenommen, Eingriffe zur Versteifung von Wirbeln sogar um 200 Prozent. Das belegen die Zahlen des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK). Daten einzelner Krankenkassen zeigen auch danach einen weiteren Aufwärtstrend. Allein mit Verschiebungen von Krankheitsbildern in einer älter werdenden Bevölkerung lasse sich das nicht erklären, meint Casser.

Statt OP arbeiten Ärzte, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten eng zusammen

Neben der Überversorgung beklagt der Schmerzspezialist aber auch eine Unterversorgung: Es werde zu viel operiert, gleichzeitig aber nach wie vor zu wenig getan, um quälenden chronischen Kreuzschmerzen mit einer Mixtur anderer, nachweislich wirksamer Methoden beizukommen. „Im Jahr 2011 erreichte laut InEK im stationären Sektor die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule mit 478 723 das mehr als das Elffache gegenüber der stationären multimodalen Schmerztherapie.“ Bei dieser nicht operativen Behandlung arbeiten Ärzte, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten eng zusammen. Sie wird allen Patienten empfohlen, bei denen das Rückenleiden seit mindestens drei Monaten andauert, aber keine eindeutige organische Ursache gefunden wurde.

Schon wenn der Schmerz sechs Wochen andauert, steigt die Gefahr, dass er chronisch wird. Vor allem, wenn „yellow flags“ wie Belastungen in Beruf und Privatleben hinzukommen. Kürzlich zeigte eine Auswertung der Patientendaten aus dem Mainzer Schmerzzentrum, dass durchschnittlich 17 Jahre ins Land gehen, bis ein Mensch mit schweren chronischen Rückenschmerzen in einem solchen Zentrum landet und ein abgestimmtes interdisziplinäres Behandlungsangebot bekommt. Das Kreuz mit dem Kreuz scheint auch heute noch in vielen Fällen vor allem ein Kreuz mit der Behandlung zu sein.

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