Was die moderne Uni ausmacht : Ein gutes Studium prägt ein Weltbild

Die Universität im 21. Jahrhundert muss zum „engagierten Bürger“ ausbilden. Daher gilt es, die Lehre neu zu denken: Die Lebenswirklichkeit darf nicht länger aus den Bachelor-Studiengängen mit dem Argument verbannt werden, dass sie zu komplex sei.

Hannes Klöpper
Ein Studium ist keine Berufsausbildung. Der Staat hat viel weiter reichende Interessen. Er braucht Absolventen, die sich aktiv an der Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen beteiligen können. Die Didaktik im Studium muss sich ändern.
Ein Studium ist keine Berufsausbildung. Der Staat hat viel weiter reichende Interessen. Er braucht Absolventen, die sich aktiv an...Foto: TU Berlin/Sabine Böck

Die Universität im 21. Jahrhundert: überfüllte Hörsäle, überforderte Professoren, unflexible Verwaltungsvorschriften – all dies macht den Studierenden in Deutschland das Leben schwer. Gleichzeitig wird von der Lehre immer mehr erwartet. Sie soll den Studierenden nicht bloß Wissen, sondern Kompetenzen vermitteln, die im Berufsleben nutzen – ein Leben lang. Angesichts von Schuldenbremse und demografischem Wandel wird schnell klar, dass die Probleme der Hochschulen nicht durch den Ruf nach Geld und Personal zu lösen sind. Daher gilt es, die Lehre grundlegend neu zu denken. Denn die oft beklagte Krise der Universitäten ist nicht bloß eine Krise der Strukturen. Es ist auch eine intellektuelle Krise: Die Universität zweifelt an ihrem Zweck.

In der öffentlichen Diskussion geht es bisher fast ausschließlich um Struktur-, Budget- und Evaluationsfragen. Bevor man sich jedoch mit der Frage befasst, wie die Lehre zu organisieren ist, sollte man zuerst fragen, worin heutzutage das Ziel universitärer Lehre überhaupt besteht. Die gesellschaftliche Aufgabe der Hochschullehre wurde im Rahmen der Bologna-Reform auf das Stichwort „Berufsbefähigung“ reduziert. Dieses Verständnis vom Zweck eines Hochschulstudiums übersieht jedoch, dass die meisten Studiengänge nicht auf die Tätigkeit in einem bestimmten Berufsfeld vorbereiten und dass ein Großteil der Absolventen in Berufen tätig sein wird, die mit den Inhalten ihres Studiums wenig zu tun haben. Auch die neue Leitidee, Kompetenzen zu vermitteln, greift zu kurz. Ein gutes Studium vermittelt mehr als Fähigkeiten. Ein gutes Studium prägt ein Weltbild.

Ein Studium ist keine Berufsausbildung. Andererseits sollte es aber auch kein Glasperlenspiel sein. Im Gegensatz zu den Theorien, die die Bachelor-Studierenden in ihren Einführungsveranstaltungen kennenlernen, ist unsere Alltagswelt ungeordnet und komplex. Es ist eben diese Alltagswelt, mit der die Absolventen später zurechtkommen müssen. Sie werden ständig auf interdisziplinäre, nicht klar umrissene Probleme treffen – und zwar unabhängig davon, ob sie für ein Unternehmen oder eine Organisation der Zivilgesellschaft arbeiten, in die Forschung oder in die Politik gehen. Daher dürfen wir die Lebenswirklichkeit nicht länger aus den Curricula der Bachelor-Studiengänge mit dem Argument verbannen, dass sie für die Lehre zu komplex sei. Vielmehr sollte sie genutzt werden, um die Studierenden von Beginn ihres Studiums an auf interdisziplinäres Denken vorzubereiten.

Dabei geht es keinesfalls darum, klar definierte Disziplinen abzuschaffen. Sondern vielmehr darum, diese zu ergänzen. Studierende sollten schon zu Beginn ihres Studiums mit konzeptuellen Widersprüchen, theoretisch nur schwer fassbaren Phänomenen und komplexen Gemengelagen konfrontiert werden. Denn in der Praxis stellen diese nicht die Ausnahme dar, sondern die Regel. Diese Erkenntnis der Wissenschaftsphilosophie sollte die neuen Bachelor-Curricula ebenso prägen wie der Versuch, ein Verständnis für die drängendsten Probleme der Weltgesellschaft zu schaffen.

Das Bachelor-Studium wird in Deutschland praktisch ausschließlich durch den Staat finanziert. Daher scheint es angebracht, dass staatliche Universitäten sich Ziele setzen, die über die berufliche Qualifizierung hinausgehen. Ein solches Ziel sollte es sein, die Studierenden zu „engagierten Bürgern“ auszubilden, indem sie lernen, über Probleme aus der Lebenswirklichkeit nachzudenken und diese zu bewerten. Auf diese Weise bereiten sie sich im Studium auf ein Leben als aktive Mitglieder einer globalen, demokratischen und liberalen Zivilgesellschaft vor.

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