Wissen : Wenn Schüler scheitern

Studie: Staat muss Milliarden für Jugendliche ohne Bildung zahlen

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Gute Azubis gesucht. Dieser junge Mechatroniker zeigt, wie es geht. Foto: Thilo Rückeis
Gute Azubis gesucht. Dieser junge Mechatroniker zeigt, wie es geht. Foto: Thilo Rückeis

Handwerk und Wirtschaftsunternehmen plagt eine Sorge: Werden sie in den nächsten Jahren noch genügend Jugendliche finden, die eine Realschule oder Gymnasium besucht haben und anschließend eine dreijährige Lehre absolvieren wollen? Die Wirtschaft ist neuerdings sogar bereit, Schulabgänger zu akzeptieren, deren schlechte Noten lange Zeit als ein Hindernis für die Ausbildungsreife galten.

Dieser Einstellungswandel bei den Unternehmern wird auch gefördert durch den radikalen Geburtenrückgang in Deutschland. Gleichwohl bleiben jedes Jahr 150 000 Jugendliche ohne Ausbildungsabschluss – obwohl ein Viertel aus dieser Gruppe mit einem Realschulabschluss die Voraussetzung für eine Ausbildung wahrscheinlich mitgebracht hätte. Diese Zahlen nennt eine unlängst veröffentlichte Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung entstand. Die Forscher beziffern auch die Kosten, die diese schlecht ausgebildete Risikogruppe unter den Jugendlichen langfristig verursachen wird. Für jeden Ausbildungsjahrgang, der pro Jahr wegen unzureichender Bildung scheitert, entstehen im Verlauf einer Erwerbsbiografie von 35 Jahren 1,5 Milliarden Euro an Kosten. In den folgenden 10 Jahren könnten also hochgerechnet 15 Milliarden Euro an Folgekosten für den Staat hinzukommen.

Was sind das für Folgekosten? An erster Stelle entgangene Lohn- und Einkommensteuern mit einem Anteil von 70 Prozent. Danach kommen Transferzahlungen wie Arbeitslosengeld (17 Prozent). Außerdem können Menschen aufgrund ihrer fehlenden Bildung eher in die Kriminalität abrutschen. Auch diese Kosten muss man für die Gesellschaft in Rechnung stellen. Die Autoren kommen zu dem Schluss: „Investitionen in Bildung und ein chancengerechteres Bildungssystem lohnen sich und stellen die beste Sozialpolitik dar.“

Das WZB hat auf Daten zurückgegriffen wie den Mikrozensus, bei dem jährlich 820 000 Personen befragt werden. Außerdem wurden Erkenntnisse aus dem sozioökonomischen Panel verwendet, das lebenslang immer dieselben Personen aus 11 000 Haushalten über ihren Lebensstandard, ihre Berufstätigkeit, ihre Schulbildung und ihre Wertvorstellungen befragt. Den Forschern standen zudem Angaben aus der Lohn- und Einkommenssteuerstatistik zur Verfügung.

Für die Bildungs- und Sozialpolitik empfehlen die Wissenschaftler: Oberstes Ziel müsse es sein, den Anteil an bildungsarmen Menschen zu verringern. Das bedeute die Abkehr von einer reparierenden Sozialpolitik „hin zu einer präventiv ausgerichteten Bildungspolitik“. Kindertagesstätten mit geschultem Personal müssten zügig ausgebaut werden. Ganztagsschulen würden benötigt, damit die Kinder von erwerbstätigen Eltern nicht zu früh auf sich allein gestellt seien. Damit die Schüler von Unternehmen beklagte Defizite wie mangelnde Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit ausgleichen können, sollten die Schulen mit Sozialarbeitern und Psychologen zusammenarbeiten.

Da nach wie vor zu viele Jugendliche die Ausbildung abbrächen, empfehlen die WZB-Forscher statt dreijähriger Lehrverhältnisse verstärkt auch zweijährige Ausbildungen zu ermöglichen. Drei Jahre am Stück seien für viele Jugendliche zu belastend. Scharfe Kritik üben die Autoren an dem Übergangssystem. Hier würden Schüler, die noch nicht fit für die Ausbildung in festen Lehrverhältnissen seien, „mit einem Dschungel von Maßnahmen“ konfrontiert, ohne eine verbindliche Perspektive für den anschließenden Übergang in reguläre Ausbildungsverhältnisse zu erhalten. Uwe Schlicht

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