WERT sachen : Angesicht

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Vor reichlich zwei Wochen hatte ich eine kluge Gruppe am See Genezareth im Norden Israels zu führen und las nochmals, was in den letzten Jahren über diese Landschaft veröffentlicht wurde, in der Jesus von Nazareth von Dorf zu Dorf zog. Mitten in dieser intensiven Lektüre am idyllischen See stand ich eines Morgens vor dem Frühstücksbuffet, als mir ein freundlicher alter Mann vorgestellt wurde. Das war aber just der irische Wissenschaftler, der unser Bild von dieser Region des antiken Nahen Ostens radikal verändert hatte. Ich kannte seine Veröffentlichungen, hatte sie nun wieder gelesen – und nun kenne ich ihn von Angesicht zu Angesicht: ein liebenswürdiger, bescheidener, gelehrter Wissenschaftler der alten Schule, mit dem sich sofort ein höchst angeregtes Frühstücksgespräch über neue Ausgrabungen und Befunde ergab. Ich gestehe, dass mich diese unerwartete Begegnung noch neugieriger auf die Ergebnisse seiner Arbeit gemacht hat. Und auch wenn wir natürlich in der Wissenschaft alle eigentlich streng objektiv miteinander umgehen und es keine Rolle spielen sollte, ob jemand ein vermuffeltes, gleichgültiges oder hochmütiges Gesicht durch die Gegend trägt, gilt natürlich auch hier, was der Volksmund so schön formuliert: „Ein freundlich Angesicht ist’s halbe Zugemüse.“

Natürlich weiß ich, dass „Angesicht“ zunächst einmal nur ein gehobener Ausdruck für „Gesicht“ ist. Und eben zugleich doch viel, viel mehr, weil das Wort den Aspekt hervorhebt, dass wir jemandem ins Gesicht schauen, ihn ansehen. Wenn sich Adam vor dem Angesicht Gottes versteckt, will er bloß nicht gesehen werden. Und es ist noch nicht lange her, da handelte man sich, wenn man jemanden zu lange ansah („fixierte“), eine Duellforderung ein und bezahlte einen Blick insbesondere aufs weibliche Geschlecht unter Umständen mit dem Leben. Dass man in der Öffentlichkeit nicht demütig zu Boden blicken muss, sondern „von Angesicht zu Angesicht“ reden kann, ist eine der großen Liberalisierungen unseres gesellschaftlichen Umgangs – früher taten das nur Freunde miteinander. Natürlich ist der offene Blick mitten ins Angesicht nicht immer unschuldig, vergangene Generationen wussten schon, warum sie ihn einschränkten. Heute wollen manche, dass es in Bewerbungsunterlagen keine Bilder mehr gibt, damit die berühmten weißen Männer auch einmal einen hässlichen Zwerg einstellen und nicht nur schöne Frauen. Ob das wirklich eine gute Idee ist? Vielleicht sollten wir eher versuchen, in jedem Gesicht ein Angesicht zu erkennen, ein Bild von Würde, und nicht nur eine Visage.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben