WERT sachen : Ehrungen

Christoph Markschies ist Präsident der Humboldt-Universität, Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

Christoph Markschies

Am Freitag hatte ich wieder die Gelegenheit, an der Verleihung eines Ehrendoktors an meiner Universität mitzuwirken: Der Chemiker Gerhard Ertl erhielt für seine bahnbrechenden Forschungen an chemischen Prozessen, aber auch für seine Verdienste um die Berliner Wissenschaft im Allgemeinen und um die Katalyseforschung an der Humboldt-Universität im Besonderen einen Doctor honoris causa. Das lateinische honoris causa bedeutet „um der Ehre willen“. Man könnte etwas vorwitzig fragen, wer eigentlich mit einem Dr. h.c. geehrt wird. Der bereits mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forscher, ein vielfacher Ehrendoktor (Dr. h.c. mult. = Doctor honoris causa multiplex) oder die Fakultät und Universität, denen nach alter Tradition die Ehre zukommt, eine besondere Begabung zu den Ihren zählen zu dürfen? Wer so fragt, müsste sich freilich belehren lassen, dass honoris causa einfach nur „ehrenhalber“ bedeutet – niemand verlangt von dem Geehrten eine Promotionsschrift und es prüft auch niemand seine Kenntnisse in einem Rigorosum oder einer Disputation.

Früher war es in meinem Fach üblich, dass eine Fakultät einen durch sie ordentlich doktorierten Wissenschaftler nach einer gewissen Schamfrist mit einem Ehrendoktor auszeichnete. Bis Ende der sechziger Jahre der evangelisch-theologische Fakultätentag solchen akademischen Spielchen den Riegel einer Selbstverpflichtung aller Fakultäten vorschob, in Zukunft auf solche Ehrungen zu verzichten. Manche Universitäten verleihen großen Wirtschaftsführern Ehrendoktorwürden oder prominenten Politikern, weil sie sich finanzielle Zuwendungen oder die Aufmerksamkeit der Mächtigen erhoffen. Meistens scheitert solches aufdringliche Werben und der Schaden ist doppelt: finanziell beziehungsweise politisch und wissenschaftlich. Sind Ehrendoktorwürden deshalb problematisch, gar ein antiquiertes Instrument, das nicht mehr in die moderne, ausschließlich an Leistung orientierte Universität gehört?

Eine Gesellschaft kann nur existieren, wenn herausragende Leistungen öffentlich geehrt werden und damit Vorbilder als solche sichtbar ausgezeichnet werden. Eine Gesellschaft, die mufflig und undankbar auch das Besondere für selbstverständlich nimmt, verkommt so, wie einzelne Universitäten in den siebziger und achtziger Jahren verkommen sind. Ich freue mich schon deswegen auf die nächsten Ehrendoktorate an Berliner Universitäten.

Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität, Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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