WERT sachen : Insel

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

„Reif für die Insel“: Mit dieser Parole wird im Internet für Usedom, England, Rügen, Fuerteventura und Fehmarn geworben und wahrscheinlich für hundert andere Eiländer mehr. Vermutlich haben viele die entsprechende Zeile auch im Ohr, nicht wenige darunter, die den schon ziemlich angegrauten, aber noch immer gespielten Schlager eigentlich überhaupt nicht mehr hören können. Die Redewendung, reif für die Insel zu sein, beschreibt ein weit verbreitetes Gefühl von Überarbeitung und Stress – und die Sehnsucht, irgendwo in der Ferne Erholung zu finden, zur Not auch auf dem Festland. In einem der jetzt so beliebten Internettagebücher wird eine Südamerikareise so angekündigt: „Ich bin reif für die Insel. Naja, Brasilien ist keine Insel, aber bietet Inselflair an.“

Was ist aber jene besondere Inselatmosphäre? Bei näherem Zusehen wird deutlich, dass unter dieser Wertsache zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten doch recht Differentes verstanden wird und wurde. Vermutlich verbinden manche Inselatmosphäre einfach mit den Strandbars, deren Liegestühle die stellenweise recht trostlosen Uferstreifen der Spree bereichern. In den zwanziger Jahren hätte sich mancher Bildungsbürger vor dem geistigen Auge Adolf von Harnack und Gerhart Hauptmann vorgestellt, die in leichter Sommerkleidung auf Sylt spazierten und sich beispielsweise über den Narren in Christo Emanuel Quint unterhielten, vielleicht aber auch nur über das lausige Wetter. Möglicherweise aber auch Hauptmann allein, in Franziskanerkutte am Strand von Hiddensee.

Mit dem Stichwort „Franziskanerkutte“ (in der Hauptmann übrigens begraben wurde), ist man schon ganz nahe an den alteuropäischen Ursprüngen der Wertsache Insel. Vor der Nordostküste Englands liegt die heilige Insel Lindisfarne, mit dem Festland durch einen Damm verbunden, auf dem immer wieder Autos neugieriger Touristen überspült werden, die nicht auf die Gezeiten achten. Im Zentrum der Insel befand sich ein allein schon durch seine Buchmalerei weltbekanntes frühmittelalterliches Kloster, das von schottischen Mönchen gegründet wurde und in dem im siebten Jahrhundert der berühmte Heilige Cuthbert lebte. Der zog sich, wenn er ganz allein sein wollte, auf ein noch kleineres Eiland zurück, das vor der Küste der heiligen Insel Lindisfarne liegt. Auf einer einsamen Insel Ruhe und Kraft zu suchen, ist also keine Erfindung stressgeplagter Mitteleuropäer unserer Tage. Vermutlich findet man in irgendeiner mittelalterlichen Mönchsvita sogar die Zeile: „Ich wunder mich, warum ich noch da bin.“

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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