Wertsachen : Brüder

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Näher kann man sich unter Brüdern wahrscheinlich nicht stehen: Der ältere starb in den Armen des Jüngeren, Wilhelm in Anwesenheit Alexanders. Drei Tage vor dem Tod seines Bruders im April 1835 beschrieb Alexander von Humboldt Rahel Varnhagen einen Besuch bei dem schwer Parkinsonkranken: „Die Erlösung ist noch nicht erfolgt. Ein halb soporöser Zustand, viel, nicht sehr unruhiger Schlaf, und bei jedem Erwachen Worte der Liebe, des Trostes, noch die Klarheit des großen Geistes, der alles fasst und sondert, seinem Zustande nachspäht.“

Auch wenn nicht sehr viele Texte erhalten sind, gibt es genügend Zeugnisse tiefer Zuneigung zwischen beiden. Alexander kümmerte sich beispielsweise um die erste Gesamtausgabe der Werke seines Bruders und stellte ihr ein überaus freundliches Vorwort voran: Die vorgelegten Texte des Bruders „offenbaren“, wie er schreibt, „uns den Menschen in dem ganzen Reichthum seines herrlichen Gemüthes und seiner Seelenkraft“.

Natürlich waren die Brüder nicht immer einer Meinung. In einem weiteren Vorwort, das er nach dem Tode Wilhelms schrieb, konstatiert Alexander, dass nicht jedes Gedicht seines Bruders die Sicherheit im Versmaß verrät, die sich in den Übersetzungen der griechischen Tragiker zeigt. Und Wilhelm fand es mehr als unpassend, dass sein Bruder Alexander während des nationalen Befreiungskampfes gegen Napoleon in Paris lebte – der bezeichnete sich viele Jahre später höchst ironisch als „ein alter tricolorer Lappen“ und das war Wilhelm bestimmt nicht. Auch über die Religion waren die beiden Brüder sich eher uneins. Alexander fasste Wilhelms Essay „Die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ so zusammen: „Gott regiert die Welt; die Geschichtsaufgabe ist das Aufspüren dieser ewigen, geheimnißvollen Rathschlüsse“ und kritisierte das Postulat der Existenz von Lebenskräften aus dem ‚dumpfen Gefühl‘ ihres Vorhandenseins.

Lange wurden die beiden Brüder (mit Goethe) als „Dioskuren“ verklärt, aber immer wieder auch einmal gegeneinander profiliert: Früher der tiefsinnige Wilhelm gegen den etwas oberflächlichen Alexander, heute gern der internationale Alexander gegen den preußischen Wilhelm. Alle Stilisierungen sind natürlich Unsinn. Eher könnte man davon sprechen, dass hier zwei Brüder fast vorbildlich engste Nähe, aber auch gelegentliche kritische Distanz lebten.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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