Wissen : Wie es 1948 zum Bruch kam

In einer Jubiläumsausstellung arbeitet die Humboldt-Uni ihre Geschichte auf

von

„Colloquium“ nannten Studierende der Humboldt-Universität 1947 ihre Zeitschrift. Unabhängig soll sie sein, die Sowjetisierung der Hochschule kritisieren sie offen. Den Herausgebern und Chefredakteuren wird im Jahr darauf die Studienerlaubnis entzogen, gemeinsam mit anderen relegierten und drangsalierten Studenten gründen sie die Freie Universität. Ein Faksimile der Zeitschrift ist jetzt in der Ausstellung zum 200. Gründungsjubiläum der Humboldt-Universität im Jacob- und-Wilhelm-Grimm-Zentrum zu sehen.

In leuchtend rote Kuben hat die HU die Stationen ihrer an Brüchen reichen Geschichte seit 1810 gesteckt. Die 37 von dem Berliner Architekturbüro Duncan und McCauley gestalteten und im Foyer des Grimm-Zentrums verstreuten Ausstellungswürfel nehmen die Rasterstruktur der Bibliotheksfassade auf. Die Kuben seien „Wissensspeicher und Sammlungskabinette“, sagt Noel McCauley. Das britisch-irische Team hat sich auf „erzählende Räume“ spezialisiert, mit optischen, akustischen und interaktiven Elementen. Die Kuratorinnen Ilka Thom und Kirsten Weining haben sie mit reichhaltigem Anschauungsmaterial gefüllt. So können die Besucher zu den dramatischen Monaten der Berliner Universitätsgeschichte im Jahr 1948 auch den damals entstandenen Film „Eine freie Universität“ abrufen. Im selben Kubus wird eine andere Befreiungsgeschichte erzählt – die der 1989 gegründeten „Unaufgefordert“, der ersten freien Studentenzeitung der Wendezeit.

Sprechende Exponate, wenig gedruckter Text, Stimmen von Zeitzeugen, die mit ausziehbaren Trichtern abgehört werden können: Die Ausstellung macht es den Besuchern leicht, sich 200 Jahre Berliner Universitätsgeschichte zu erschließen. Zumal die Kuben jeweils in abgeschlossene Themen einführen – von der Gründung der Uni und ihren Jubiläen bis zu großen Leistungen der Forscher und skandalösen Verirrungen der Wissenschaft.

Der selbstkritische Blick der HU auf ihren Werdegang zieht sich durch die Ausstellung. Geht es um die „Stars der Hörsäle“, begegnet man etwa dem Juraprofessor und Dekan Eduard Gans, der seine öffentliche Geschichtsvorlesung um 1830 in zwei Schichten mit jeweils 750 Zuhörern abhalten musste. Noch 1822 hatte allerdings der berühmte Staatsrechtler Friedrich Carl von Savigny die Berufung des jüdischen Kollegen zunächst verhindern können. Er erwirkte die „Lex Gans“, mit der das Emanzipationsedikt von 1812, das Juden den Weg in akademische Ämter öffnete, teilweise aufgehoben wurde. Amory Burchard

„Mittendrin. Eine Universität macht Geschichte“: bis zum 15. August im Jacob-und Wilhelm-Grimm-Zentrum, Geschwister-Scholl-Straße 1, Berlin-Mitte

0 Kommentare

Neuester Kommentar