„Wissenschaft des Schönen“ : Flüchtige Anmut

Erogene Zonen des Gehörs: Wie Wissenschaftler versuchen, Schönheit zu messen.

Sibylle Salewski

Es herrscht Stille. Nur eine Lautsprecherbox knackt leise, bevor der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad einen kurzen Ausschnitt aus Verdis Oper „La Traviata“ abspielt: „Amami, Alfredo“, singt Violetta im Wissen, ihren Geliebten verlassen zu müssen: „Liebe mich, Alfredo, so sehr, wie ich dich liebe.“ Wer in der westlichen Musiktradition aufgewachsen ist, etwas von Kunstmusik und vielleicht sogar von italienischen Opern weiß, der wird wahrscheinlich ergriffen sein und das Gehörte als schön empfinden. Vielleicht läuft ein Schauer über den Rücken, die Herzfrequenz erhöht sich, der Hautleitwert verändert sich. „Im Erfolgsfall stimuliert eine schöne Stelle in der Musik die erogenen Zonen unseres Gehörs“, erklärt Konrad.

Lassen sich solche Erfahrungen von Schönheit wissenschaftlich untersuchen, in Zahlen fassen, empirisch dingfest machen? Oder ist Schönheit nichts weiter als ein subjektives Geschmacksurteil, dass sich jeglicher systematischer Erfassung entzieht? Die Frage ist alt, doch die Antwort steht noch immer aus. Seit der Antike haben Künstler Formeln, Algorithmen und Proportionen des Schönen entwickelt, getestet und wieder verworfen. Seit einigen Jahren aber, so der Berliner Mathematikprofessor Peter Deuflhard, beginne sich wieder eine neue, rasch wachsende „Wissenschaft des Schönen“ zu entwickeln. Neurologen, Evolutionsbiologen und Psychologen versuchen dem Geheimnis der Schönheit ebenso auf die Spur zu kommen wie Geisteswissenschaftler aller Fachrichtungen.

Während Violetta von ihrer Liebe singt, breiten sich auf der Leinwand vorne im Auditorium der Karl-Adenauer-Stiftung Kreise und Ringe in leuchtenden Farben aus, werden größer, verschwinden, neue bilden sich und ersetzen die alten. Der Computer macht die Klänge sichtbar. Die Teilnehmer des 12. Berliner Kolloquiums der Gottlieb-Daimler- und Karl-Benz-Stiftung wollen dem Geheimnis der Schönheit auf die Spur kommen. Konrad Wolf versucht das Gehörte zu erklären. Takt für Takt analysiert er die Stelle. Er spricht von kleinen Dominant-Sept-Non-Akkorden, strenger Regularität, metrisch unbetonter Zeit, rhythmischen Wiederholungen. Enorm komplex sei die Komposition und zugleich doch verblüffend einfach, so Konrad. Diese nur in akribischer Kleinarbeit erfassbaren Strukturen der Musik sind die Bedingung für ihre Schönheit. „Ohne analytisch zu fixierende Eigenschaften“, lautet Konrads Fazit, „gibt es keine schönen Stellen in der Musik.“

Doch mit keiner noch so detailgenauen Analyse ist es bisher gelungen, eine Formel für musikalische Schönheit zu entwickeln. Nur ganz grob lassen sich die Eigenschaften umreißen, die dazu führen, dass wir eine musikalische Stelle intensiv erleben. „Chills“, erklärt Konrad, heißen diese starken Erlebnisse von Musik im Fachjargon. Auf Deutsch ließe sich das vielleicht am ehesten als „Schauer“ übersetzen. Der Ton einer Solostimme etwa, oder der Einsatz des Chors können solche Momente verdichteter Wahrnehmung auslösen.

Für die Griechen waren Schönheitsvorstellungen an den menschlichen Körper und die ihm innewohnenden Symmetrien gebunden. „Der Schönheitsbegriff der Antike hat etwas mit Maß und Zahl zu tun“, sagt Gerhard Wolf, Direktor des Kunsthistorischen Instituts in Florenz. Doch welche Formel genau für die Griechen das Normmaß eines perfekten Körpers bestimmen sollte, ist bis heute unklar, trotz zahlloser Rekonstruktionsversuche.

Für den Mathematiker Peter Deuflhard ist die Frage, was ein schöner Körper, genauer, was ein schönes Gesicht sei, jeden Tag erneut von entscheidender Bedeutung. An dem von ihm gegründeten Zuse-Institut Berlin berechnen Deuflhard und seine Mitarbeiter für Patienten mit geburtsbedingten oder durch Unfälle verursachten Verformungen ein neues Gesicht, noch bevor der Arzt den ersten Schnitt setzt.

Wie lang, wie breit, wie spitz sollte ein neues Kinn sein, wie weit muss es vorstehen, um schön zu sein? „Wir können durch unsere Berechnungen vor der Operation genau sagen, wie der Mensch hinterher aussehen wird, wenn die Operation glückt“, erklärt Deuflhard, „damit haben wir aber auf einmal auch die Verantwortung.“

Deuflhard hat lange nach Kriterien gesucht, die ihm bei diesem Entscheidungsprozess helfen könnten. Er hat sich Leonardo da Vincis und Albrecht Dürers Proportionsstudien über den menschlichen Körper ebenso angesehen wie modernere Experimente, die darauf hinzuweisen scheinen, dass wir Durchschnittsgesichter am attraktivsten finden.

Solche Gesichter werden im Computer künstlich erzeugt, indem man viele individuelle Gesichter überblendet. „Aber diese Durchschnittsthese ist nicht haltbar“, sagt Deuflhard, „eine Analyse zeigt, dass diese Experimente methodisch wenig überzeugend sind und offenkundige Schwachpunkte in der Interpretation der Ergebnisse aufweisen.“ Deshalb hat Deuflhard die Suche nach allgemeingültigen Schönheitskriterien aufgegeben: „Nicht statische Schönheit, sondern Anmut und Bewegung machen die Attraktivität eines Gesichts aus und die soziale Akzeptanz.“ Der Patient muss sich im Spiegel erkennen, akzeptieren. Dann erst ist er entspannt. Und wenn das der Fall ist, dann folge Schönheit von selbst.

Andere Wissenschaftler wollen sich damit nicht zufriedengeben. „Wenn es unmöglich wäre, über ästhetische Urteile rational zu diskutieren, dann hätte das unerträgliche Konsequenzen“, argumentiert Wolfgang Klein, Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. „Dann bräuchten wir keine Musik-, Kultur-, und Kunstkritik mehr, und das Nobelpreiskomitee könnte niemals falsche Entscheidungen treffen.“ Schönheit, verstanden als Oberbegriff für verschiedene ästhetische Werte, wie Anmut oder Eleganz, muss deshalb empirisch fassbar, und das heißt zu einem gewissen Maße auch messbar sein, glaubt Klein. Er weiß, dass er mit dieser These bei vielen seiner Kollegen in den Geisteswissenschaften auf Unverständnis stößt.

Eine systematische Erforschung des Schönen gibt es bisher nicht, aber in verschiedenen Bereichen entstehen neue Fachgebiete. Manfred Spitzer ist Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Zu seiner Forschungsarbeit gehört auch die noch junge Neuroästhetik. „Ihr Ziel ist es, die neurobiologischen Grundlagen unseres ästhetischen Verhältnisses zur Welt aufzuklären“, sagt Spitzer. So weiß man heute, dass unsere Erfahrung von Schönem in demselben Bewertungsareal lokalisiert ist, in dem sich auch unsere Urteile über Gutes und Wahres befinden.

„Im Hirn sind das Wahre, das Gute und das Schöne ganz nahe beieinander“, sagt Spitzer, „das hatte auch schon Platon behauptet.“ Nur weiß heute noch niemand, welche Schlüsse man daraus ziehen kann.

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