Wissenschaft : Forschen vor der Kamera

Videodokus im Internet, Youtube-Clips: Immer mehr Wissenschaftler lassen sich bei ihrer Arbeit zusehen.

Tina Rohowski
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Kleine Helfer. An der Uni München haben Biologen Zebrafischen das Alzheimer-Gen eingesetzt. Über ihre Arbeit berichten sie in...Foto: Promo/LMU München

Eigentlich ist Bernhard Finks Spezialgebiet die Liebe: Welche Gesichtsformen finden wir attraktiv? Wie beeinflussen die Maße von Taille und Hüfte die Partnerwahl? Zählen innere Werte überhaupt? Fink, Verhaltensbiologe an der Universität Göttingen, untersucht solche Zusammenhänge derzeit in einem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Doch in letzter Zeit beschäftigten ihn daneben Drehbücher, Filmsets und Kameraeinstellungen. Denn der Wissenschaftler dokumentiert seine Arbeit in kurzen Internetfilmen. Alle zwei Wochen stellt er eine neue Folge seiner Forscherdoku „Liebe à la Darwin“ ins Netz. „Wir wollen Wissenschaft transparent machen und nicht nur im Elfenbeinturm sitzen“, beschreibt Fink seinen Anspruch.

Der Forscher mit TV-Kompetenz ist längst keine Ausnahme mehr: Immer häufiger dokumentieren Wissenschaftler ihre Projekte in Filmclips für das Internet. Die meisten Videos entstehen unter dem Dach der DFG: Im vergangenen Jahr startete ihr Portal „DFG Science TV“ mit der ersten Staffel, von der zweiten sind inzwischen zwei Drittel der Folgen im Internet zu sehen. Pro Staffel drehen zehn Teams, darunter in diesem Jahr die Gruppe von Bernhard Fink, über drei Monate an ihren „Forschertagebüchern“. 30 Minuten Rohmaterial liefern sie alle zwei Wochen an eine professionelle Produktionsfirma, die im Auftrag der DFG die Endfassung erstellt. An jedem Werktag geht ein neues Video online.

Die Projekte aus der Exzellenzinitiative haben sogar eine eigene Internetseite mit Kurzfilmen. Selbst Hochschulen oder einzelne Lehrstühle betreiben inzwischen Kanäle auf Videoportalen wie Youtube oder halten ihren Forscheralltag für die Webseiten ihrer Universitäten fest. So sieht man im Netz, wie Bauingenieure ultrahochfesten Beton mischen, Archäologen Gräber der Steinzeit untersuchen oder Mediziner im Labor menschliche Herzmuskelzellen züchten.

Die Wissenschaft im Clipformat soll vor allem 14- bis 19-Jährige ansprechen, sagt Eva-Maria Streier, Sprecherin der DFG, die das Projekt „Science TV“ leitet. Die dreiminütigen Filme machten „die Faszination von Forschung für Zielgruppen erlebbar, die sonst eher Hürden bei der Beschäftigung mit Wissenschaft empfinden würden“. Möglichst realistisch wolle man den Forscheralltag darstellen: „Die Zuschauer erleben Wissenschaft als Prozess, bei dem es zum Beispiel auf einer Ausgrabung auch Wochen ohne große Entdeckungen gibt.“ Die DFG hofft, so die Jugendlichen für ein Studium oder sogar eine Forscherlaufbahn begeistern zu können. Rund 400 000 Euro investiert sie daher jährlich in das Portal.

Auch die Hochschulen, die eigene Wissenschaftsfilme produzieren, wollen damit vor allem Schüler, Studenten und junge Forscher ansprechen. Etwa zehn Filme werden pro Semester an der RWTH Aachen gedreht, beispielsweise über künstliche Herzklappen oder die Konstruktion von Rennwagen. Für die Clips wähle man Projekte aus, die „das Profil der Universität widerspiegeln und besonders viele Drittmittel erhalten“, erklärt Toni Wimmer, Sprecher der RWTH. Im Internet präsentiert die Universität, die einen eigenen Youtube-Kanal betreibt, neben den Clips aus Laboren und Werkstätten auch Imagefilme, die das Aachener Stadtleben zeigen. „Gute Leute zieht man nicht nur mit Spitzenforschung, sondern auch mit Lebensqualität an“, erklärt Wimmer.

Doch nicht nur junge Internetnutzer, die an Clip-Ästhetik, schnelle Schnitte und poppige Hintergrundmusik gewöhnt sind, haben die Macher im Visier: Das Portal zur Exzellenzinitiative, das seit Anfang 2009 alle 85 geförderten Projekte vorstellt, hatte zugleich einen politischen Zweck: „Wir wollten die Diskussion um die Fortsetzung des Wettbewerbs begleiten“, sagt Marco Finetti, Sprecher der DFG. Finanz- und Wissenschaftspolitiker sollten sich ein Bild davon machen, „welche guten Ideen die beiden ersten Runden gebracht haben“. Inzwischen wurde eine Fortsetzung der Initiative bis 2017 beschlossen.

Für die Forscher bedeuten die Filme zusätzliche Arbeit: Vor den ersten Drehs erhielten Wissenschaftler, die sich erfolgreich für „Science TV“ beworben hatten, Schulungen zu Storyboard, Kamera und Rohschnitt. „Wir brauchen etwa zwei Drehtage pro Woche. Oft sitzen wir bis 23 Uhr in der Uni und arbeiten an den Filmen“, beschreibt Bernhard Fink die Arbeit seines Teams, zu dem er und vier Doktorandinnen gehören. Genau solche Einblicke motivierten die Gruppe jedoch zur Mitarbeit am Portal: „Als Wissenschaftler sollten wir unsere Arbeit auch Laien erklären können“, sagt Fink. Wenn man gezwungen sei, das Projekt in kurzen Filmen und einfachen Worten darzustellen, schaffe das „Ordnung im Kopf“, die sich positiv auf die Forschung auswirke.

Für den Dreh der ersten Staffel „Science TV“ musste die DFG selbst Wissenschaftler ansprechen und überzeugen. Die Teilnahme an der zweiten Staffel konnte man bereits als Wettbewerb ausschreiben – und dabei mit rund einer Million Seitenzugriffe während der ersten Staffel werben. Viele Forscher erlebten, dass ihre Projekte durch die Videoplattform häufiger von anderen Wissenschaftlern oder in den Medien wahrgenommen werden, berichtet Marco Finetti über das Portal zum Exzellenzwettbewerb. Über die Sommermonate verzeichneten die Kurzfilme auf dem Science-TV- Portal gut 10 000 unterschiedliche Nutzer, die sich rund 170 000 Seiten ansahen. Auch bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter kann man die Folgen sehen.

Für den Evolutionsbiologen Bernhard Fink ist das Projekt ein Erfolg, wenn er gängige Klischees über seine Branche beseitigen kann: „Wissenschaftler sind nicht so steif und ihr Alltag nicht so humorlos, wie viele glauben.“ Um das zu beweisen, will er als Bonusmaterial am Ende der Staffel seine „Take outs“ veröffentlichen: Pannen, Textfehler und lustige Szenen aus dem Drehalltag sollen dabei Forscher „menschlicher machen“ und die Dokus von den „100 anderen glatten TV-Magazinen abheben“, sagt Fink: „Wir haben den Charme des Unperfekten.“

Mehr im Internet:

www.exzellenz-initiative.de

www.dfg-science-tv.de

Die Filme einzelner Universitäten lassen sich im Portal Youtube am einfachsten über die Kanalsuche mit dem Hochschulnamen finden.

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