Wissenschaft und Kunst : Im öffentlichen Dreieck

Kunst und Wissenschaft sind öffentlich – sie überschreiten kulturelle Grenzen und schaffen größere Räume – bis hin zur Politik.

Volker Gerhardt
Beziehungen. Skizze für die Ausstellung „Triangulations“ von Tinka Bechert in der Rotunde des Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt. Die Künstlerin forscht als „Artist-in-Residence“ bei dem Akademienvorhaben „Altägyptisches Wörterbuch“ der Akademie. Inspiriert von Richard Lepsius' Expedition nach Ägypten von 1842 bis 1845 verknüpft die Ururenkelin des berühmten Ägyptologen in ihrer Installation historische Fakten mit assoziativem Wissen
Beziehungen. Skizze für die Ausstellung „Triangulations“ von Tinka Bechert in der Rotunde des Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt....Foto: Tinka Bechert

Wenn eine Akademie der Wissenschaften in ihrem Jahresthema die Kunst ins Blickfeld rückt, liegt der Eindruck nahe, sie mache sich mit etwas interessant, das ihr fehlt. Der Ernst, die Strenge und die Trockenheit wissenschaftlicher Bemühungen stehen seit der Antike in einem sprichwörtlichen Gegensatz zur Leichtigkeit, Großzügigkeit und Heiterkeit der Kunst. Unzählige Künstlerbiographien beginnen mit der Flucht aus dem Brotstudium. Und gelegentlich trifft man auf einen zu Ansehen gekommenen Gelehrten, der resigniert gesteht, sein Geigenspiel oder seine frühen literarischen Versuche seien ganz beachtlich gewesen; aber zur künstlerischen Karriere habe es nicht gereicht.

Wer so spricht, wird vermutlich nicht zu jenen gehören, die Kunst und Wissenschaft für unvereinbar halten. Aber das Grenzen setzende Leben belehrt uns oft allzu schnell, dass es nicht nur thematische und methodische Unterschiede, sondern auch einen existenziellen Abstand zwischen beiden geben kann.

Das ließe sich bequem an jenen Fächern illustrieren, aus denen die jungen Künstler mit Vorliebe ausgebrochen sind. Gleichwohl sind Medizin, Jurisprudenz und Ökonomie Disziplinen, die sich nicht eben wenig darauf zugutehalten, in der ärztlichen, richterlichen oder unternehmerischen Praxis einer auf Intuition und Phantasie beruhenden Kunst näher zu sein als dem Prinzipiengebrauch wissenschaftlicher Kategorien.

Auch wer sein Leben der Forschung widmet, wird neben der Fähigkeit zur Geduld und zum Ertragen unendlicher Wiederholungen, schnell bereit sein, das hohe Lied des rettenden Einfalls zu besingen. Wer als Forscher zu Ruhm gelangt, wird irgendwann auch eine ingeniöse Idee gehabt haben. Und wer dennoch glaubt, es gebe grundlegende methodologische Unterschiede, der führe sich vor Augen, wie rasch sich die moderne Kunst den ursprünglich ganz der Wissenschaft vorbehaltenen Begriff des „Experiments“ zu eigen gemacht hat.

Sieht man erst, mit welcher Akribie sich gerade die großen Künstler ihr Metier erarbeiten, möchte man die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft für eine Übung halten, die man nur Anfängern zumuten kann.

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