Wissenschaft und Kunst : Wenn die Waschmittelwerbung scheitert

Die präzise Kenntnis der jeweiligen Bildkultur erschließt das Verhältnis der Kulturen, aber auch das von Wissenschaft und Kunst.

Christoph Markschies
Rätselhaft. Für viele versinnbildlicht der „Wanderer am Weltenrand“ aus Camille Flammarion ‚L'Atmosphère' von 1888 den Übergang der Welt- und Raumvorstellungen vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. In dem unter anderem von Christoph Markschies herausgegebenen „Atlas der Weltbilder“, der Praktiken visueller Welterzeugung in Form von Weltbildern untersucht, unterzieht Hans Gerhard Senger das Bild einer eingehenden Analyse.
Rätselhaft. Für viele versinnbildlicht der „Wanderer am Weltenrand“ aus Camille Flammarion ‚L'Atmosphère' von 1888 den Übergang...

Vor vielen Jahren gab es einmal eine Waschmittelwerbung, in der eine besorgte Hausfrau mit Kittelschürze kritisch die frisch gewaschene Wäsche musterte. Während die Hausfrau mit allen Zeichen wachsender Verzweiflung die erkennbar nicht wirklich gesäuberte Wäsche ansah, löste sich aus ihren Konturen ein Schatten ihrer selbst und trat der Verzweifelten als das inkarnierte schlechte Gewissen zur Seite. Das schlechte Gewissen redete dann auf die arme Hausfrau ein, empfahl ihr ein bestimmtes Vollwaschmittel und verschwand dann wieder in den Konturen der so belehrten Frau. In einem letzten Bild sah man eine fröhliche Hausfrau und die vom genannten Vollwaschmittel durchgreifend saubere Wäsche.

Abgesehen davon, dass dieser Werbefilmstreifen schon aufgrund seines Frauenbildes eher ins letzte Jahrhundert verweist – wirklich verstehen kann man ihn natürlich nur in einer Kultur, in der das Gewissen eine so prominente Stellung hat wie hierzulande. Gelegentlich werden die Bilder eines solchen Werbefilms auch als Bildgeschichte in einem Printmedium veröffentlicht; dann steht links die immer noch dreckige, rechts aber die wunderbarerweise durchgreifend gesäuberte Wäsche. Diese Reihenfolge von häuslicher Katastrophe und Errettung entspricht unserer Leserichtung von links nach rechts.

Ganz anders geht es insbesondere in fernöstlichen Kulturen zu, in denen man von rechts nach links liest – der Bildstreifen der Waschmittelwerbung würde dort ziemlich lächerlich wirken, da gesäuberte Wäsche in umgekehrter Leserichtung plötzlich nachhaltig schmutzig würde. Ein Waschmittel könnte so eher nicht verkauft werden. Bilder sind Ausdruck einer bestimmten Kultur, sie lassen sich nicht einfach von einer Kultur in eine andere transportieren ohne dass es zu Veränderungen beim Blick der Betrachtenden kommt. Und gelegentlich eben sogar auch zu grotesken Missverständnissen einer ursprünglich intendierten Bildaussage. Die Leserichtung oder auch die Perspektive sind ein vorzüglicher Indikator für eine solche Bildkultur; wir empfinden antike oder mittelalterliche Bilder, die nicht die in der Renaissance entwickelte Zentralperspektive aufweisen, als unbeholfen und archaisch. Aber ein mittelalterlicher Betrachter würde vermutlich unsere zentralperspektivisch konstruierten Bilder als gekünstelt empfinden, vielleicht auch als bequeme egalitäre Komposition, in der Wichtiges gar nicht als wichtig hervorgehoben wird: In den allermeisten mittelalterlichen Altarbildern sind die Stifter deutlich kleiner dargestellt als die Heiligen, weil man zwar auf seine Stiftung stolz war, aber eben auch Demut zeigen wollte.

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