Wissenschaftspolitik : Elite-Unis ohne Forscher

Die im Elite-Wettbewerb siegreichen Universitäten haben Probleme, Spitzenforscher für ihre ausgezeichneten Vorhaben zu gewinnen. Was die Exzellenz-Unis beim erhofften Aufbruch hemmt.

Tilmann Warnecke
Deutsche Chemieindustrie weiter auf Wachstumskurs - Foto: ddp
Im Blick der Konkurrenz. Die Exzellenz-Universitäten werben sich teilweise gegenseitig ihre besten Wissenschaftler ab.Foto: ddp

Für 4000 Forscher hatten sie im Rahmen ihrer Elite-Projekte Stellen oder Stipendien bewilligt bekommen – doch bisher sind nur 1500 Wissenschaftler an die Unis geholt worden. Unter den Verantwortlichen für die im Wettbewerb ausgezeichneten Graduiertenschulen sagen mehr als ein Drittel, es gebe nicht genügend geeignete Bewerber.

Die Elite bremst ein Mangel an Personal – das ist eine Einsicht, die aus der ersten Auswertung der Exzellenz-Initiative gewonnen werden kann, die jetzt der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Organisatoren des Wettbewerbs, veröffentlich haben. Im Herbst 2007 wurden die letzten Sieger in der Initiative gekürt. Wie keine andere soll sie die deutsche Universitätslandschaft umkrempeln. 1,9 Milliarden Euro geben Bund und Länder dafür aus, die neuen Elite-Universitäten wie die anderen Exzellenzprojekte sollen in der Weltspitze mitspielen.

Sind jetzt – gut 15 Monate nach der letzten Entscheidung – bereits Folgen und Veränderungen zu sehen? Insgesamt bescheinigt der Bericht dem Wettbewerb „eine große struktur- und profilbildende Wirkung“. Es gebe schon „überraschend positive Effekte“, sagt der Soziologe Stefan Hornbostel, der einen Teil der Auswertung leitete. Doch deutlich wird vor allem, dass dem erhofften Aufbruch Grenzen gesetzt sind. Die Erfolge dürften „nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Probleme auftreten“, heißt es.

Mit den größten Schwierigkeiten kämpfen die Universitäten tatsächlich bei der Suche nach hervorragendem Personal. Die wenigen qualifizierten Bewerber drohen den Universitäten weggeschnappt zu werden: So können die Hochschulen oft noch immer nicht mit den Stellenangeboten aus der Industrie mithalten – die Stipendien für Doktoranden sind von der DFG auf 1500 Euro pro Monat gedeckelt. Außeruniversitäre Institute und ausländische Hochschulen buhlen ebenfalls um die Forscher, Konkurrenten sind zudem andere im Elite-Wettbewerb erfolgreiche Projekte. Cluster und Graduiertenschulen würden sich teilweise gegenseitig Kandidaten abspenstig machen, heißt es. Der Erfolg sei für manche Unis nachgerade kontraproduktiv: Die Konkurrenz sei so erst auf ihre Forscher aufmerksam geworden. „Das ging ratzfatz, dass die Wissenschaftler aus meinem Team alle einen Ruf nach außen hatten“, wird ein Professor aus einem Exzellenzcluster zitiert.

Wie steht es um die internationale Konkurrenzfähigkeit? Der Bericht zeichnet ein ambivalentes Bild. Zwar heißt es, der Wettbewerb trage „erkennbar“ zur Internationalisierung der Universitäten bei. Dies beziehe sich aber vor allem auf den Aufbau von Netzwerken mit internationalen Partnern, sagt Hornbostel. Ausländische Spitzenforscher auf neue Professuren zu berufen, sei dagegen schwieriger. Auch im Rahmen der neuen W-Besoldung könnten Hochschulen oft keine international wettbewerbsfähigen Gehälter zahlen. Womöglich werde die Exzellenz-Initiative daher nur dazu führen, die besten inländischen Wissenschaftler an wenigen Standorten zu konzentrieren – nicht aber dazu, herausragende Persönlichkeiten aus dem Ausland nach Deutschland zu ziehen, folgern die Autoren.

Kommen in den Elite-Projekten mehr Frauen zum Zuge als sonst an deutschen Hochschulen üblich? Die Wissenschaft hierzulande hinkt im internationalen Vergleich in Sachen Gleichstellung immer noch hinterher. In ihren Anträgen sollten die Universitäten eigentlich Gleichstellungskonzepte präsentieren. Auch hier ist die Bilanz gemischt: Zwar sagen einige Sprecher der Exzellenzcluster, dass anders als früher jetzt tatsächlich Frauen den Zuschlag gegenüber einem männlichen Mitbewerber erhielten, wenn beide die gleichen Qualifikationen aufweisen. Andererseits heißt es im Bericht auch, die Gleichstellungsmaßnahmen würden nur „zögerlich“ umgesetzt. Die für den Bericht befragten „Principal Investigators“, die die Projekte leiten und die zu 86 Prozent männlich sind, sagen, dass es gar nicht genug gute Bewerberinnen gebe, um die Stellen annähernd gleichmäßig zwischen Frauen und Männern aufzuteilen. Sie plädieren zum großen Teil dafür, dass Gleichstellungskriterien in einer Neuauflage der Exzellenz-Initiative keine große Rolle mehr spielen sollten.

Was läuft gut bei den Graduiertenschulen und Exzellenzclustern? An welcher der neun Elite-Universitäten kann man bereits große Fortschritte erkennen? Die Autoren drücken sich davor, einzelne Universitäten lobend oder auch tadelnd herauszuheben. Stattdessen greifen sie auf Allgemeinaussagen zurück. So wird die durch den Wettbewerb bei den Universitäten erzeugte „Dynamik“ gelobt, „die die Erwartungen aller übertraf“ – das wird von Ministern und den zuständigen Forschungsorganisationen seit langem mantraartig wiederholt. Die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen und mit außeruniversitären Instituten werde auf eine neue Ebene gehoben, der Nachwuchs deutlich besser gefördert als früher.

Stefan Hornbostel hält es für besonders heraushebenswert, dass durch den Wettbewerb eine „Experimentalsituation“ entstanden sei. Die Universitäten würden viele verschiedene neue Organisationsformen erproben – während früher Reformen im Hochschulwesen eher „homogen“ verlaufen seien. Die Autoren des Berichts warnen die Universitäten allerdings auch davor, sich allzu einseitig auf die im Wettbewerb ausgezeichneten Bereiche zu konzentrieren. Dies könne zu „Demotivationen“ bei den nicht prämierten Forschern an den Hochschulen führen.

Auf eine Fortsetzung des Elite-Wettbewerbs haben sich Bund und Länder prinzipiell bereits geeinigt – wie viel Geld dafür ausgegeben werden soll und wann es losgeht, ist allerdings unklar. Eine Neuauflage sollte nach Ansicht von DFG und Wissenschaftsrat in nur einer Runde stattfinden. Um den Aufwand für die Unis zeitlich zu strecken, soll sich das Verfahren über fast zwei Jahre hinziehen – von Herbst 2010 bis Sommer 2012 (siehe Kasten).

Neue Anträge sollen „eine realistische Chance auf Förderung“ bekommen, heißt es. Wie kann das klappen – wo die in der ersten Runde gekürten Unis einen Vorsprung von fünf Jahren haben? Der Kommission schweben unterschiedliche Gewichtungen bei der Bewertung vor. Bei der Konkurrenz um den Elite-Status sollten die aktuellen Elite-Unis vor allem daran gemessen werden, ob ihr „Entwicklungsgradient deutlich nach oben weist“. Das soll etwa daran festgemacht werden, ob sich die Unis bei den Drittmitteln verbessert haben oder ihre Forscher mehr Auszeichnungen als früher gewinnen.

Bei neuen Bewerbern sollte dagegen das Zukunftskonzept stärker gewichtet werden. Darin müssen die Universitäten erklären, wie sie den Sprung in die internationale Spitze schaffen. Auch kleinen und mittleren Universitäten solle eine Chance eingeräumt werden. Um genügend neue Vorhaben fördern zu können, schlägt die Kommission vor, das Budget des Wettbewerbs (derzeit 1,9 Milliarden Euro) um dreißig Prozent zu erhöhen.

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