Wolfgang Zapf zum 80. Geburtstag : Pionier der empirischen Soziologie

Sein Forscherleben hat der Soziologe Wolfgang Zapf politisch brisanten Themen wie der sozialen Ungleichheit gewidmet. Ein Gastbeitrag zum 80. Geburtstag.

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Ein älterer Mann ist im Gespräch mit anderen älteren Männern zu sehen.
Wolfgang Zapf lehrte unter anderem an der Universität Mannheim, bevor er 1987 als Präsident und späterer Direktor der Abteilung...Foto: David Ausserhofer/WZB

Politisch hochbrisante Themen – darüber hat Wolfgang Zapf sein Leben lang geforscht. Schon seine Dissertation und zugleich sein erstes Buch, die 1965 erschienene Elitestudie, barg jede Menge Sprengstoff. Ob in seinen wegweisenden Wohlfahrtsurveys oder dem bis heute fortgeführten und stark nachgefragten Datenreport: Überall finden sich Hinweise auf soziale Ungleichheit, treten große Unterschiede in den Zugangschancen und Lebenswirklichkeiten von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Einkommen, Freundes- wie Familienkreisen zutage. Es sind jene Schieflagen, die in unserer Gesellschaft mittlerweile immer deutlicher sichtbar geworden sind.

Es geht ihm um den leisen Fortschritt der praktischen Vernunft

Wolfgang Zapfs Vorlesung über Sozialstruktur durfte ich bereits in meinem ersten Schnuppersemester in Soziologie in Mannheim hören. Die mir bis dahin weitgehend unbekannten Inhalte bestürzten mich. Fast irritierend wirkten gleichzeitig die Ruhe, Sachlichkeit und leichte Distanz, mit der mein Professor die harten Fakten präzise vortrug. Laut palavernd und auf die Straße ziehend – so hatte ich mir Soziologen vorgestellt. Doch hier traf ich auf einen Gelehrten, der meine Vorurteile widerlegte, der die empirischen Methoden extrem ernst nahm, die theoretischen Anbindungen nie aus den Augen verlor und seine Ergebnisse immer auf das große Ganze der Sozialstruktur Deutschlands und anderer Länder bezog. Agitation ist seine Sache nicht. Es geht ihm um Erkenntnisgewinn, um Aufklärung, um den leisen Fortschritt der praktischen Vernunft. Daher auch seine klare Sprache.

Menschen in der Sozialstruktur - und ihre Befindlichkeit

Parallel zu seiner Vorlesung besuchte ich eine Übung von Katrin Zapf, seiner wunderbaren Frau, die ihren Teil dazu beitrug, dass ich der empirischen Sozialstrukturanalyse von Wolfgang Zapf ein ganzes Leben lang treu geblieben bin. Auch heute sind seine grundlegenden Forschungen relevant. Neben der rein sozio-ökonomischen Verortung von Menschen in der Sozialstruktur hat ihn immer ihre subjektive Befindlichkeit interessiert: ihre Gefühle, ihre Zufriedenheit, ihr Glück. Früh hat Wolfgang Zapf darauf aufmerksam gemacht, wie sehr sich objektive Lage und subjektives Wohlergehen unterscheiden können und wie ernst wir dies zu nehmen haben. Er ist damit zum Pionier einer Sozialforschung geworden, die auf messbaren Indikatoren beruht.

Eine Frau steht vor einem farbigen Hintergrund und blickt in die Kamera.
Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Rückblick auf die 40 Jahre, die ich ihn kenne, wird mir bewusst, wie sehr sein Forschungsparadigma und sein hohes wissenschaftspolitisches Engagement nicht nur meinen eigenen beruflichen Werdegang geprägt haben, sondern die Sozialwissenschaften insgesamt; und zwar auch Richtungen, die ihm fremd, gar kritisch gegenüberstanden. Er wurde Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Vorsitzender von GESIS und schließlich auch Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Das ist Schulenbildung pur.

Zum 80. Geburtstag mein Dank, unser aller großer Respekt und alles Gute für die kommenden Jahre an Wolfgang Zapf.

Die Autorin ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

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