Der Roman wirft Fragen über Fragen auf

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Wolframs von Eschenbach "Parzival" : Fragment vom Bestseller des Mittelalters entdeckt
Volker Mertens

Er zieht abenteuernd durch die Welt, um wieder auf die Gralburg zurückzukommen und seinen Fehler gut zu machen. Gott beruft ihn schließlich zum Gral, Parzival stellt die Mitleidsfrage, heilt den Schmerzenskönig und wird selbst Gralherr. Nicht allein diese Haupthandlung wird erzählt, die Geschichte von Parzivals ritterlichem und bei den Frauen erfolgreichem Vater Gahmuret und vom Halbbruder des Helden entwirft ein farbiges Bild des Orients; König Artus, vor allem der Musterritter Gawan übernehmen die Handlung. Mit der Faszination des Grals konkurrieren vierzehn Liebesgeschichten, sie werden teils breit auserzählt, teils nur angedeutet. Kämpfe ohne Zahl folgen einander – an bunter Fülle der Figuren wie an Situationen, an aufgeworfenen Problemen eines Lebens zwischen Gottesdienst und Frauendienst geht der „Parzival“ seinen mittelalterlichen Konkurrenten weit voran. Jeder konnte darin seinen Helden finden, ob Gahmuret oder Gawan, Artus oder – Parzival selbst, zerrissen und doch gefasst, zielbewusst wie keiner, aber vom Wege irrend bis zur Verzweiflung.

Irritierend, ja subversiv

Doch nicht allein in dem Entwurf der Hauptfigur bleibt der Roman irritierend, ja, subversiv: Der Erzähler hält wenig von den allgemein hoch gehaltenen kirchlichen Hierarchien und Ritualen, propagiert eine eher allgemeine Religiosität im Bezug zu Gott und den Menschen, indem er nicht-christliche Symbole prominent einsetzt – so ist der Gral ein heiliger Stein, wie man ihn aus dem Islam mit der Kaaba kennt. Neben der traditionsbewussten Artusherrschaft steht das utopische Gralkönigtum, das eine Gesellschaft regiert, die Züge eines rigiden Geheimbundes aufweist. Parzival bleibt eine widersprüchliche Faszinationsfigur über die Jahrhunderte, der Roman wirft Fragen über Fragen auf, so dass ihn jede Generation neu lesen wollte.

Gerade entdecktes Fragment, Parzival-Handschrift auf einem kleinen Stück Pergament
Eins der ältesten "Parzival"-Textzeugen. Das in der Universitätsbibliothek gefundene Fragment dürfte aus dem ersten Viertel des...Foto: Universitätsbibliothek Leipzig

Wolfram verfasste seinen Roman ab etwa 1200 für einen Gönnerkreis im bayerisch-fränkischen Raum. Die Grafen von Wertheim und Abenberg sowie der Herr von Durne (Walldürn) könnten den aus einem fränkischen Rittergeschlecht stammenden (Wolframs-Eschenbach) Autor gefördert haben. Vielleicht war er als nachgeborener Sohn für den geistlichen Stand bestimmt, denn er konnte außer der höfischen Leitsprache Französisch auch Latein. Er kennt sich in Theologie und Astrologie, aber auch in der praktischen Medizin und in ritterlichen Kampftechniken aus. Wahrscheinlich ist er nach dem Studium wie sein Held durch Mitteleuropa gezogen, hat vielleicht als Soldritter gekämpft – jedenfalls legt er viel Wert darauf, ein Kämpfer und kein Buchgelehrter zu sein, von Frauen- und Ritterdienst, von dem er so viel zu erzählen weiß, wirklich etwas zu verstehen und nicht nur davon gehört und gelesen zu haben. Stolz behauptet er, er könne „keinen Buchstaben“. Er meint damit, dass er kein – geistlich gebildeter – Schreiber ist.

Für eine Handschrift musste eine Schafherde geschlachtet werden

Kalligraphisch zu schreiben lernten die jungen Kleriker an den Domschulen und in den Klöstern; es war eine besondere Kunst, eine Handschrift anzufertigen und – es war teuer. Für das Pergament, das man für eine „Parzival“-Handschrift brauchte, musste man eine ganze Schafherde schlachten. Nur vermögende Adlige konnten sich das leisten und die Fachleute im Hauskloster oder in der adligen Kanzlei von politisch wichtigen Aufgaben, wie Urkunden und Chroniken zu schreiben, freistellen. Und dem Autor musste seine französische Vorlage, die „Erzählung vom Graal“ des Chrétien de Troyes, zur Verfügung gestellt werden.

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