Zu fest gewickelt : Experten warnen vor dem Pucken

Pucken - das straffe Einwickeln von Babys - beruhigt die Kinder. Wird jedoch zu fest gewickelt, drohen Hüftschäden.

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Kuschlig, aber schädlich. Gepuckte Babys können Hüftschäden erleiden.
Kuschlig, aber schädlich. Gepuckte Babys können Hüftschäden erleiden.Foto: Steffen Zimmermann Fotolia

Die ersten Wochen nach der Geburt eines Babys sind aufregend. Die Familie muss einen neuen Rhythmus finden. Und der Säugling? Hat er nicht die größte Umstellung zu bewältigen? Aus der Geborgenheit einer dunklen Höhle ist er in eine helle, luftige Welt ohne feste Grenzen geraten. Techniken, um sich selbst zu beruhigen, wenn er nicht gerade an der Brust der Mutter liegt oder im Arm eines anderen lieben Menschen gewiegt wird, hat der neue Erdenbürger noch nicht. Um ihm zeitweilig solche beruhigenden, warmen Begrenzungen zu schenken, wird seit einigen Jahren das „Pucken“ empfohlen. Die Babys werden dafür mehr oder weniger eng in Tücher eingewickelt.

Zu eng, moniert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in einer Stellungnahme. Eines der wichtigsten Argumente gegen die Technik, die entfernt an das historische „Fatschen“ erinnert, das Umwinden des Körpers von Säuglingen mit Bändern, ist, dass Fehlstellungen der kindlichen Hüfte begünstigt werden.

Bis hin zum Ausrenken des Gelenks

Bei den Hüftdysplasien passen Kopf und Pfanne des Gelenks nicht aufeinander. Ultraschallspezialisten, die sich um die Diagnostik dieser Hüftdysplasien besonders verdient machen und solche Bilder täglich sehen, schlagen sich in der Debatte um das Pucken seit Jahren auf die Seite der Kinderärzte. Vor allem beim sehr strengen Pucken, bei dem die Beine in Streckstellung aneinandergebunden werden, kämen auf die Dauer Kräfte ins Spiel, die das Wachstum der Hüfte verlangsamen und an der normalen Ausreifung hindern, warnte in Berlin Tamara Seidl vom Franziskus-Hospital in Bielefeld, Expertin der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin. Das gehe bis hin zum Ausrenken des Gelenks, der Hüftluxation, berichtete Seidl.

Besonders tückisch: Bei der U3 in der vierten oder fünften Lebenswoche werden die Kinderhüften heute per Ultraschall untersucht. Schäden, die erst nach dem Screening auftreten, bleiben aber oft unbeachtet. Seidl berichtete von einem Kind, dessen Hüftgelenke beim Ultraschall nach der Geburt intakt waren, bei dem es mit fünf Wochen aber eine Hüftreifungsstörung gab. „Es stellte sich heraus, dass das Kind gepuckt wurde.“

Einzelfälle taugen allein nicht als Beweise

Einzelfälle taugen allein nicht als Beweise. „Wir wissen aber aus der Grundlagenforschung sehr wohl, dass man bei Tieren durch festes Einwickeln in gestreckter Haltung aus gesunden Hüften kranke Hüften machen kann“, versicherte Seidl.

Einen auffälligen Zusammenhang haben Forscher um Kathrin Studer aus dem australischen Adelaide gefunden, als sie das südaustralische Register für gesundheitliche Auffälligkeiten bei der Geburt auswerteten. Ihren kürzlich im „Medical Journal of Australia“ veröffentlichten Daten zufolge hat sich die Zahl der Hüftdysplasien, die erst nach den ersten drei Monaten entdeckt wurden, dort in den Jahren 2003 bis 2009 im Vergleich zum Zeitraum 1988 bis 2003 verdreifacht.

Ballonartige Pucksäcke sind besser

Babys, die in Beckenendlage, einem anerkannten Risikofaktor für Hüftfehlstellungen, auf die Welt gekommen waren, betraf das weniger. Die Mediziner vermuten, dass in diesen Fällen die Aufmerksamkeit von Ärzten und Eltern erhöht war und gleich nach der Geburt mehr Vorsichtsmaßnahmen wie breites Wickeln ergriffen wurden. Die Empfehlung der australischen Forscher lautet: Unangemessen enges Einwickeln der Beine sollte auf jeden Fall vermieden werden.

Unangemessen, weil riskant für die unausgereiften Hüften sei alles, was Babys daran hindert, die Sitz-Hock-Stellung einzunehmen, präzisierte Seidl. Also die Haltung, mit der sie es sich rittlings auf der Hüfte eines Erwachsenen oder in einem geeigneten Tragetuch bequem machen. Mit einem Wickel nur die Arme eines Kindes leicht anzulegen, sei allerdings kein Problem. „Gegen Pucksäcke, die unten eine ballonartige Form haben, spricht nichts.“

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