Zugvögel : Flugroute falsch programmiert

Manche Zugvögel finden nicht mehr nach Hause. Ein Fehler in ihrem Navigationssystem kostet jedes Jahr viele kleine Gelbbrauenlaubsänger das Leben. Denn wer sich verfliegt, hat kaum eine Überlebenschance.

Roland Knauer

Auch in diesen Tagen sammeln sich wieder überall auf der Nordhalbkugel Zugvögel, um in ihre Winterquartiere zu fliegen. Die Gelbbrauenlaubsänger Phylloscopus inornatus wollen ins warme Vietnam oder nach Kambodscha. Doch einige landen versehentlich in Europa. Wenn der Winter nicht zu hart wird, haben die Vögel, die es wenigstens bis nach Südeuropa geschafft haben, zwar noch eine Überlebenschance. Doch einmal vom Weg abgekommen, werden sie im Frühling nicht mehr nach Hause finden.

Wie es zu solchen Irrflügen kommt, haben Forscher um Roland Brandl von der Universität Marburg untersucht, ihre Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Journal of Ornithology“ veröffentlicht. Demnach kommt es bei einem guten Dutzend asiatischer Laubsänger- und Drosselarten vor, dass einzelne Tiere fälschlicherweise nach Europa fliegen. Die erste Vermutung der Wissenschaftler war, dass das an der geringen Größe der Tiere und den Wetterbedingungen liegt: Wehen kräftige Winde aus einer ungewohnten Richtung, können größere Vögel widrigen Verhältnissen leichter trotzen. Winzlinge dürften dagegen häufiger vom Wind abgetrieben werden. Doch als die Forscher die Zahl der verirrten Vögel mit deren Körpergröße verglichen, fanden sie keinen Zusammenhang.

Allerdings fiel auf, dass sich vor allem Vertreter jener Arten nach Europa verflogen hatten, die in Zentralasien ein großes Verbreitungsgebiet haben und dort ähnlich häufig sind wie hierzulande ihre Verwandten Zilpzalp oder Fitislaubsänger – und das lenkt den Verdacht auf das Erbgut, das bei Zugvögeln die Navigation steuert: Je häufiger eine Art ist, umso öfter sollten Fehler im Erbgut auftreten.

„Welche Erbinformationen den Vogelzug beeinflussen, weiß man noch nicht genau“, erklärt der Marburger Tierökologe Roland Brandl. Die Art des Fehlers aber konnten die Forscher aufklären, als sie die Entfernung zwischen Brutgebiet in Zentralasien und normalem Winterquartier bestimmten. Nur wenn diese Distanz ähnlich groß wie die Strecke nach Europa ist, tauchen hierzulande auch verirrte Arten aus Zentralasien auf.

„Offensichtlich starten die Vögel einfach in die entgegengesetzte Richtung“, stellt Roland Brandl fest. Wenn ihnen das Navigationssystem die falsche Richtung weist, der Entfernungsmesser aber richtig arbeitet, landen die Vögel eben nicht in Vietnam, sondern zum Beispiel auf Helgoland. Dort sind jedenfalls bereits Gelbbrauenlaubsänger aufgetaucht. Roland Knauer

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