Der Tagesspiegel : Abenteuer Umland: Die Müllers sind von Wedding nach Ladeburg gezogen und haben es nicht bereut

Thomas Loy

Jemand hat die Tarnabdeckung von der Falle am Tümpel geklaut. Wer macht denn sowas? Barni ist sauer und braucht dringend Ablenkung. Deshalb muss Papa Uwe in den Keller, um die Gartendusche zu suchen. Mit dem Wasser lässt sich schnell ein feiner Kanal anlegen, vielleicht bis zum Tümpel? Nur schiffbar ist er noch nicht. Also greift Barni zum Spaten. So oder ähnlich muss der Panama-Kanal entstanden sein. Gefahren überall: Überwuchertes Geröll, Ringelnattern, Baumskelette und zahllose selbstgebaute Fallen, deren Existenz man irgendwann vergessen hat. Der siebenjährige Barnabas leidet nämlich unter Kinder-Alzheimer, ulkt seine Mutter Marion, doch einen wahren Kern hat ihre Diagnose. An das Leben im Wedding, das Barni noch vor neun Monaten mit seinen Eltern führte, erinnert er sich kaum noch.

Vergessen sind die "blöden Leute", die ihren aufgemotzten Daimler mit Vollgas durch die Tempo-30-Zone prügelten, die Kinder in der Kita, die arabisch, türkisch oder serbokroatisch sprachen, aber leider kein Deutsch, die schnoddrigen Alkis am Leopoldplatz und der Müll auf den Straßen und Grünflächen. "Der Junge muss endlich mal raus", erklärte Marion Müller vor gut einem Jahr im Tagesspiegel. In eine der Weddinger Grundschulen sollte er auf keinen Fall eingeschult werden. Im September 1999 schlossen sich die Müllers dem großen Flüchtlingstreck ins Umland an - nach Ladeburg bei Bernau. 1999 waren es bis Ende November 33 000 Berliner, die ihrer Stadt den Rücken kehrten. Und meist sind die Kinder der wesentliche Beweggrund. Ihnen möchte man die sozialen Spannungen der Großstadt nicht länger zumuten.

Das neue Heim der Müllers, ein vernachlässigtes Mehrfamilienhaus aus Kaisers Zeiten mit großem Garten, ist zunächst einmal Abenteuerspielplatz, nicht nur für Barnabas. Marion Müller entdeckte, wie schön sich orangefarbene Pigmente mit Wasser und Acryl auf dem nackten Putz der Wände verwischen lassen. Schon seit Monaten ist die gelernte Erzieherin mit dem Abbeizen und Einölen der alten Fenster beschäftigt. Seit dem vergangenen Herbst erobern sich die Müllers mit Kelle und Pinsel ein Zimmer nach dem anderen. Die Schufterei hat ihren Umzugsentschluss bisher noch mit keinem Quentchen Reue befleckt. Zwar muss das Auto jetzt öfter bewegt, die Einkaufslogistik optimiert werden, aber das nehmen die Müllers gerne in Kauf.

Das Abenteuer Umland mit Dorfgaststätte und Edeka-Shop, nächtlichen Vogelzwitscher-Attacken, Orientierungswanderungen durch den nahen Wald findet Marion Müller immer noch spannend. Der Umgang mit den neuen Nachbarn - darunter auch einen bulgarischen Eigenheimbauer - sei freundlich, offen und auf angenehme Art distanziert. "Kein Tratsch", sagt sie. Man grüßt einander und hilft sich gegenseitig bei heiklen Baumanövern. Von Neonazi-Kameradschaften sind die Neu-Ladeburger bisher nicht behelligt worden. Viel Zustimmung haben sie aufgrund des Zeitungsartikels erhalten - Tenor: Uns gehts genauso. Aus dem alten Berliner Bekanntenkreis hört sie, dass es dort "immer schlimmer" werde.

Natürlich läuft auch das Landleben nicht ohne Ängste. In der Nähe liegen die Lobetaler Anstalten. Von dort verlaufen sich gelegentlich Menschen in ihre Siedlung, die besondere Eigenschaften aufweisen: Epileptiker, körperlich und geistig Behinderte oder Suchtkranke. Einmal traf Barni jemanden, der keine Hände, sondern klauenartige Stummel hatte. Seine Mutter musste ihm versichern, dass sowas nicht ansteckend ist. Die Erwachsenen fürchten eher die Brandenburger Behörden. Als die am Haus vorbeilaufende Straße wegen Dachdeckerarbeiten gesperrt werden sollte, konnte die zuständige Sachbearbeiterin erst vor Ort davon überzeugt werden, dass es sich um eine Sandpiste handelt und nicht um eine Pflasterstraße, wie es in den Akten stand. Es entwickelten sich auch mediale Entzugserscheinungen. Mit dem Stil der örtlichen Zeitung kann sich das Ehepaar einfach nicht anfreunden.

Wenn nichts dazwischenkommt, haben die Müllers ihr Zuhause fürs restliche Leben gefunden. Schade nur, dass Marions Mutter aus Mahlsdorf im vergangenen Jahr verstarb. Sie war ein "Gartenfreak", unter anderem Expertin im Brennnessel-Rausrupfen. Mitgenommen haben die Müllers sie trotzdem. Statt in Berlin liegt sie jetzt auf dem Ladeburger Friedhof. Noch ein Wegzug ins Umland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben