Der Tagesspiegel : Alles spielt auf ihr Kommando

Judith Kubitz ist Dirigentin am Staatstheater Cottbus – eine der ganz wenigen Frauen auf dem Pult

Frederik Hanssen

Cottbus. Wie sieht eigentlich die Arbeitskleidung einer Dirigentin aus? Trägt frau Frack oder Abendkleid, wenn sie vors Orchester tritt? Bei solchen Fragen muss Judith Kubitz lachen: „Na ja, ich trage weder das eine noch das andere, sondern einen schwarzen Hosenanzug. Aber als weibliches Wesen bin ich trotzdem zu erkennen!“

Es sieht sogar äußerst attraktiv aus, wenn sich die erste Kapellmeisterin des Staatstheaters Cottbus am Ende der Vorstellung verbeugt. Und dennoch ist Judith Kubitz auf den ersten Blick genau das Gegenteil von dem, was viele sich unter einem Dirigenten vorstellen: Kein Orchesterbändiger, vor dem die Musiker zittern, kein Maestro, den die Aura des Magiers umweht. Wenn man der zierlichen Frau aber beim Gespräch gegenübersitzt, merkt man schnell, dass die 35-Jährige absolut das Temperament hat, ihre Truppe zusammenzuhalten. „Dirigent wird eben nur derjenige, der sich immer wieder sagt: Hey, ich will unbedingt da vorne stehen!“

Dieser Drang stellte sich bei Kubitz relativ spät ein: In Bautzen geboren, sang sie gerne in Opernproduktionen des Sorbischen Volkstheaters mit, doch ihr Berufsziel war Chordirigentin. Als sie dann fürs Examen an der Weimarer Musikhochschule mit der Lausitzer Philharmonie auch Orchesterwerke probte, packte es sie plötzlich. Und weil auch den Musikern die Arbeit Spaß gemacht hatte, wurde Judith Kubitz als Assistentin des Chefdirigenten engagiert. Nach weiteren Studien in Paris und London konnte sie ihren ersten echten Job als Dirigentin 1999 in Kassel antreten.

Seit Herbst 2003 arbeitet sie nun als „zweiter Mann“ beim Philharmonischen Orchester Cottbus neben Generalmusikdirektor Reinhard Petersen. Verdis „Rigoletto“ hat sie schon höchst erfolgreich geleitet, bei Johann Strauss’ „Nacht in Venedig“ sorgte sie dafür, dass trotz des wilden Treiben auf der Bühne keiner seinen Einsatz verpasste. Ende April stehen zwei Sinfoniekonzerte mit südamerikanisch inspiriertem Programm an.

Mit Judith Kubitz über Dirigentinnen zu sprechen, ist gar nicht so leicht: Wenn sie aufs Pult steigt, will sie nicht als Frau wahrgenommen werden, sondern einfach als Künstlerin. Dass Frauen anders dirigieren würden als Männer – sozialer, diplomatischer – glaubt sie nicht. „Bei Orchestermusikern habe ich bisher noch keine negativen Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht“, berichtet sie. „Wenn die erste Probe beginnt, wird man natürlich gemustert, getestet. Doch dabei geht es ausschließlich darum herauszufinden, ob man zusammen Musik machen kann. Und das ist eine Frage des Charakters, nicht des Geschlechts.“ Erklären aber kann auch sie nicht, warum es so wenig weibliche Dirigenten gibt wie weibliche Topmanager.

Ja, Judith Kubitz ist ehrgeizig. Sie will nach oben, will die Früchte ihrer intensiven Arbeit ernten. Doch bei allem Selbstbewusstsein wirkt sie ganz uneitel. Sie möchte einfach zeigen, was sie drauf hat. Dabei ist ihr jede Herausforderung recht. „Ich habe keine Vorlieben, was das Opernrepertoire betrifft. Ich will keine Spezialistin für Wagner oder Barockmusik werden“, erklärt sie und unterstreicht mit einer eleganten, weit ausholenden Bewegung, dass sie für alles offen ist. „Mir macht alles Spaß. Ich stehe einfach unheimlich gerne im Orchestergraben oder auf dem Podium.“

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