Der Tagesspiegel : An der Grenze macht die Maut noch Mühe

Kurz vor dem Start der Gebühr: Speditionen der Region sind vorbereitet, osteuropäische Fahrer weniger

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Verlegen fährt sich der russische Lastwagenfahrer durchs Haar. „Ja nje ponimajo“, sagt er kopfschüttelnd zu zwei Kollegen vor einem Terminal für die Lkw-Maut im großen Zollgebäude auf der polnischen Seite der Grenzübergangs Swiecko/Frankfurt (Oder). Er versteht nicht, was der Maut-Automat von ihnen verlangt. Ab 1. Januar aber müssen die Fahrer – wie alle anderen – für jeden Lkw über zwölf Tonnen Gewicht eine Autobahn-Benutzungsgebühr im voraus entrichten.

Die drei klopfen an eine Tür mit dem Zeichen „Toll Collect“, ein Mann kommt heraus und schreitet zum Automaten, murmelt etwas, das klingt wie das polnische Aquivalent zu „Kinderspiel!“ Beim Blick auf die Anzeige fasst er sich an den Kopf. „Französisch!“ Warum haben sie ausgerechnet diese Sprache angeklickt? Zaghaft meint einer der Fahrer, von seinen Fahrten nach Frankreich kenne er eben einige Vokabeln…

Der Toll-Collect-Mann klickt die polnisch übersetzte Seite an. Nach drei Minuten und zwei Rückfragen halten die drei Fernfahrer ihre Quittung in Händen.

Noch handelte es sich dabei nur um ein Muster. Die Kassenautomaten für die Maut sollten erst heute Nacht um null Uhr „scharf geschaltet“ werden. Erstaunlich viele Fahrer aber probierten gestern im Zollterminal in Swiecko die Automaten aus – und immer wieder ärgerte sich einer über das Fehlen seiner Muttersprache. Zur Auswahl stehen nur Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch. Mindestens ein Drittel aller Lkw, die diesen Grenzübergang an der Autobahn passieren, ist aber in Weißrussland, Russland, der Ukraine oder den baltischen Ländern zugelassen. Anders als in Deutschland besitzen nur die wenigsten dieser Lastwagen die Bordgeräte, mit denen die Maut via Satellit automatisch abgebucht wird.

„Wenn alle Fahrer ihre Route manuell eintippen, dann gibt es hier an den ersten Tagen nach Neujahr das große Chaos“, sagte eine Mitarbeiterin einer deutschen Spedition. Die Präsidentin des Landesverbandes des Berliner und Brandenburger Verkehrsgewerbes, Brigitte Meisel, forderte erneut, den früheren Zollstauplatz vor der Grenze in Frankfurt zur Mauterhebungsstelle auszubauen. Sonst würden Staus wie vor Polens EU-Beitritt hier wieder zur Regel werden. Dasselbe befürchtet der ADAC, der außerdem Behinderungen auf den parallel zu Autobahnen laufenden Bundesstraßen B 2, B 5, B 109 und B 115 erwartet, weil Lkw-Fahrer der Autobahngebühr ausweichen wollten.

Tatsächlich wurden vor dem Maut-Terminal gestern bereits mögliche Ausweichrouten besprochen. „Nach Berlin geht das ganz einfach“, verriet ein Mann aus Westpolen. „Ich fahre auf der Autobahn nach Deutschland, nehme die erste Ausfahrt nach Frankfurt und rolle dann auf den guten Bundesstraßen in die Hauptstadt.“

In Berlin und Brandenburg immerhin haben sich die Speditionen offenbar gut auf die Einführung der Maut vorbereitet. Rund 80 Prozent der Lastwagen seien in den letzten Wochen mit den automatischen Erfassungsgeräten, den so genannten On Board Units (Obus), ausgestattet worden, sagte Harry Hanigk von der Fachvereinigung Güterverkehr des Berliner und Brandenburger Verkehrsgewerbes. „Unsere Mitglieder werden auch kaum auf Bundesstraßen ausweichen, da der Termindruck einfach zu groß ist.“

Die Fahrer von Lastwagen ohne Obus können an Automaten in Tankstellen die Maut entrichten. Der ADAC befürchtet auch hier Rückstaus auf die Autobahnen, da jeder Fahrer ungefähr 15 Minuten an dem Terminal verbringen müsse und die nötigen Parkplätze an den Tankstellen bei hohem Lkw-Aufkommen nicht ausreichten.

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