Der Tagesspiegel : An der Grenze

Eine Existenzfrage: Viele osteuropäische Viadrina-Studenten leben von 100 Euro Stipendium. Doch die werden gestrichen

Sandra Dassler

Slubice. Sie sitzen in einer namenlosen kleinen Kneipe im polnischen Slubice und reden sich ein, dass sie gerade ein winziges Stück Geschichte geschrieben haben. Sie kommen aus Deutschland, Polen, Ungarn und Rumänien und studieren an der Europa-Universität Viadrina. „Wir haben die Grenzbrücke zwischen Frankfurt und Slubice illegal gesperrt“, sagt Sören Urbansky. Der künftige Kulturwissenschaftler hatte die Idee für die Aktion, mit der die Studenten am Freitag gegen die Streichung der Stipendien für ihre osteuropäischen Kommilitonen ab dem Jahr 2005 protestierten: Gegen 15 Uhr betraten die jungen Leute mit Transparenten und Lukasz, einer lebensgroßen Stoffpuppe, die Brücke von der polnischen Seite aus. „Die Grenzabfertigung ist auf der deutschen Seite, da hätte man uns nicht durchgelassen“, erklärt Thoralf Barth, der Sprecher der Studenteninitiative, die den offiziellen Studentenausschuss der Viadrina unterstützen möchte, die Aktion aber nicht mit ihm abgestimmt hat. Vor den Kameras der Journalisten warfen die jungen Leute ihren Lukasz über die Brücke in die Oder. „Er symbolisiert einen MOE-Stipendiaten, der den Streichungen des Bundes und der brandenburgischen Landesregierung zum Opfer fällt“, erklärt Thoralf Barth.

MOE ist die Abkürzung für das Stipendienprogramm für sozial benachteiligte Studierende aus Mittel- und Osteuropa. „Ich hätte es mir nie leisten können, in Deutschland zu studieren“, erzählt Anna Burgiel aus Krakau. „Meine Eltern sind arbeitslos. Aber dann habe ich von den Stipendien gehört und angefangen zu rechnen.“ 100 Euro erhält Anna im Monat. 45 Euro kostet der Wohnheimplatz auf polnischer Seite. 55 Euro muss jeder ausländische Student an die deutschen Krankenkassen zahlen. Anna geht nie in die Mensa. Wie viele andere kauft sie billig auf den polnischen Märkten und kocht abends ein bescheidenes Mahl. Viermal in der Woche arbeitet sie nachts in einer Frankfurter Druckerei. So kommt sie auch ohne die Unterstützung ihrer Eltern aus. „Wenn das Stipendium im nächsten Jahr ganz wegfällt, muss ich das Beurlaubungssemester nehmen, um in Holland oder Deutschland Geld zu verdienen“, sagt Anna. Oder ihr Jurastudium aufgeben. Dabei ist sie sicher, dass Juristen, die sich sowohl im polnischen als auch im deutschen Recht auskennen, in Zukunft sehr gefragt sein werden.

Wie Hohn hört sich für Anna die Argumentation aus dem brandenburgischen Wissenschaftsministerium an: „Es sind doch nur noch 100 Euro, die wir zahlen“, sagt ein Sprecher: „Obwohl die vergebenen Stipendien immer weniger wurden, ist die Zahl der ausländischen Studenten gestiegen.“ Außerdem könnten die EU-Beitrittsstaaten keine Sonderbehandlung mehr erwarten. Es sei ungerecht, wenn polnische Studenten ein Stipendium erhielten und spanische nicht.

Die Studenten schütteln die Köpfe. „Viele von uns leben von 100 Euro im Monat. Mit dem EU-Beitritt werden die Verhältnisse in Polen doch nicht schlagartig besser“, sagt Jolanta aus Gubin. Mihail aus Rumänien fügt hinzu: „Es geht ja nicht nur um die EU-Beitrittsländer. Auch meine Landsleute bekommen nichts mehr.“ Sören Urbansky telefoniert derweil mit Redakteuren der „Gazeta Lubuska“. Die polnischen Medien berichten seit Tagen über die Kürzung der Stipendien. Auf deutscher Seite ist das Interesse eher gering. „Dabei haben es doch gerade die Viadrina-Studenten geschafft, dass Frankfurt ein wenig vom Image einer ausländerfeindlichen Stadt weggekommen ist“, sagt Jakob Weberstädt. Der Jurastudent hofft nun auf die Unterstützung der Stadtverordneten. An der Viadrina studieren neben 3100 Deutschen zurzeit 2000 junge Leute aus 75 Ländern. Jeder dritte Osteuropäer wäre vom Wegfall der Stipendien betroffen. Dass Bund und Land einlenken, ist wenig wahrscheinlich. „Ich habe gehört, dass Brandenburg ganz arm ist und sparen muss“, sagt Anna Burgiel: „Warum sollte man da ausgerechnet auf uns Rücksicht nehmen?“

Die junge Krakauerin hat genau beobachtet, wie deutsche Autofahrer, die größtenteils zum Tanken nach Slubice wollten, auf die Sperrung der Brücke reagierten. Obwohl die Aktion nicht länger als sieben Minuten dauerte, begannen viele ungeduldig zu hupen. Ein älterer Mann kurbelte das Autofenster herunter: „Ihr Scheiß-Polen“, rief er den Studenten zu. „Dabei waren die meisten von uns Deutsche“, grinst Thoralf Barth. „Aber wenn wir was erreicht haben, lass’ ich mich auch gern als Scheiß-Pole beschimpfen.“

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