Der Tagesspiegel : Angst vor Bürgerkrieg

Nach den Wahlfälschungen bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 1989 war es unruhig in Berlin. Durch den Ausreisedruck über Ungarn und Prag entstanden spontane Diskussionsgruppen auf dem Alex. Ich bekam Angst vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen und bereitete meine Ausreise vor. Ich beschloss, eben an jenem 9. November um Mitternacht mit dem Zug nach Prag zu fahren. Gegen 22 Uhr hörte ich im Radio, dass man jetzt nach West-Berlin könne, man müsse nur den Personalausweis vorzeigen. Ich schlussfolgerte, dass das nur ein Trick sein könne und dass der befürchtete Bürgerkrieg unmittelbar bevorstand. Ich fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof und stand am nächsten Morgen vor der BRD-Botschaft in Prag. Mit 17 anderen Nachzüglern reiste ich mit dem letzten Sonderzug nach Marktredwitz, um erst ein Jahr später nach Berlin zurückzukehren.

STEFAN UNGER (50)

Unternehmensberater aus Berlin-Prenzlauer Berg

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