Der Tagesspiegel : Aufbruch im Zwergenland

Simone Leinkauf

Die ersten gepackten Umzugskisten stehen im Keller, für die aussortierten Spielsachen und Bastelmaterialien stehen zwei Container vor dem Haus. Im "Zwergenland" herrscht Aufbruchstimmung: Ende März zieht die Kindertagesstätte mit ihren sieben Erzieherinnen und 58 Kindern für fünf Monate von Potsdam-Babelsberg in den fünf Kilometer entfernten Ortsteil Schlaatz. In dieser Zeit wird die Gründerzeitvilla am Griebnitzsee auf Vordermann gebracht.

Es wird endlich ein zweiter Fluchtweg für die oberen Etagen, ein Aufenthaltsraum für die Erzieherinnen und ein Raum für Sport und Bewegungsspiele der Kinder eingerichtet. Und alle freuen sich darauf, wenn das sanierte "Zwergenland" dann im September wieder bezogen werden kann. Denn seit im Januar 2001 der seit Jahren in der Schwebe hängende Restitutionsanspruch bestätigt und Haus und Grundstück den Erben der in den 30er Jahren enteigneten Eigentümer zugesprochen wurde, drohte dem "Zwergenland" die Schließung. Die Stadt Potsdam sieht sich außer Stande, das Gebäude zu kaufen. Und finanzierbare Alternativobjekte gibt es in der näheren Umgebung nicht. Frei stehende Immobilien eignen sich entweder nicht für den Kita-Betrieb oder sind in ihrer Anschaffung noch teurer als das zurzeit noch genutzte Gebäude. Alternativ bot die Stadt dem Elternverein, der das "Zwergenland" seit 1994 in Eigenregie betreibt, eine Kindertagesstätte in Schlaatz an. Ein wenig attraktiver Ersatz: Für die Babelsberger Eltern wären jeden Tag 20 Kilometer Autofahrt dazugekommen - ganz abgesehen davon, dass zukünftige Babelsberger Eltern sich wohl kaum um einen Kitaplatz in Schlaatz bemüht hätten, sondern eher Richtung Wannsee ausgewichen wären. Denn die Anmeldelisten der Babelsberger Kitas sind lang: Beim "Zwergenland" warten rund 70 Kinder auf einen Platz, im nahe gelegenen Kindergarten der evangelischen Gemeinde sind es weit mehr als hundert. Es ist üblich, die Kinder schon vor ihrer Geburt hier anzumelden.

Hinzu kommt, dass eine andere Babelsberger Kita, die vor zwei Jahren aus ähnlichen Gründen in Schlaatz gelandet war, inzwischen schließen musste. Die vor dem Umzug ausgesprochen beliebte Kita bekam nun nicht mehr ausreichend Kinder. Die Eltern des "Zwergenlandes" dagegen sind auf dem besten Weg, ihre Kita zu retten. Eltern und Erzieherinnen haben gemeinsam das auf den ersten Blick unmöglich Erscheinende in Angriff genommen: Am 10. Oktober vergangenen Jahres wurde auf einer Mitgliederversammlung einstimmig beschlossen, das Gebäude zu kaufen, zu sanieren und weiterhin in Eigenregie zu betreiben. Mit einer monatlichen Erhöhung der Elternbeiträge von 40 Mark waren ebenfalls alle einverstanden.

Für das Finanzierungsvolumen von rund 1,4 Millionen Mark mussten aber zu dem schon vorhandenen Eigenkapital noch mindestens weitere 100 000 Mark kommen. Ein Herbstfest, eine Versteigerung von Sachspenden und eine groß angelegte Tombola im Potsdamer Stern-Center wurden durchgeführt, Weihnachtsfeiern und Theateraufführungen veranstaltet, Verwandte, Bekannte und Unternehmen um Spenden gebeten. Und was keiner so recht glauben wollte, ist nach drei Monaten geschafft: Auf dem Konto des Vereins sind seit Oktober weitere 140 000 Mark eingegangen, der Kaufvertrag ist unterschrieben und auch die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung hat dem "Zwergenland" ihre Unterstützung bis zur Höhe der ortsüblichen Miete zugesagt.

Ein Handel, der sich für beide Seiten lohnt: Denn Babelsberg wird jetzt eine beliebte und aufgrund der starken Nachfrage nach Kita-Plätzen auch dringend benötigte Kindertagesstätte erhalten. Und wenn sich der Elternverein einmal auflöst und keine Kita mehr betreibt, geht das Haus in den Besitz der Stadt Potsdam über.

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