Der Tagesspiegel : Aufschwung Oder

Sieben Unternehmen in Frankfurt bieten bis zu 1000 Stellen an. Zur Jobbörse kamen mehr als 6000 Bewerber

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - So einen Menschenauflauf wie gestern hat Frankfurt (Oder) lange nicht gesehen. Vor und in dem großen Saal des Veranstaltungshauses „Kleistforum“ drängelten sich zur großen Jobbörse der Stadt so viele Personen, dass es bereits eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn aus den Lautsprechern tönte: „Wir sind restlos überfüllt!“ Mehr als 2000 Menschen hielten sich zu diesem Zeitpunkt im Innern des Gebäudes auf, weitere 3000 bis 4000 begehrten noch Einlass. Denn sieben Unternehmen boten zusammen rund 1000 Arbeitsplätze in der Stadt an. Dieses in Ostdeutschland bisher einmalige Angebot verfehlte seine Wirkung nicht. Aus ganz Brandenburg und Berlin, aus den benachbarten Bundesländern und sogar aus Bayern und dem Saarland hatten sich Interessenten auf den Weg an die Oder gemacht. Hunderte nutzten außerdem das Angebot, die Reden im Internet zu verfolgen, um per Mail Fragen an die Firmenvertreter zu stellen.

Der Andrang zwang den Veranstaltern schließlich einen neuen Zeitplan auf. Statt bereits kurz nach Mittag die Vorträge zu beenden und die Informationsstände zu schließen, gab es den ganzen Tag Gespräche mit den potenziellen Firmenchefs. Die einzelnen Unternehmen trugen am Abend jeweils mehrere Wäschekörbe voller Bewerbungsmappen in ihre Büros. Doch auch diejenigen Interessenten, die es nicht in das Kleistforum schafften oder vor dem riesigen Andrang gleich wieder kehrtmachten, brauchen ihre Hoffnungen auf eine Stelle nicht aufgeben. Die Entscheidungen über die Arbeitsverhältnisse fallen erst in den nächsten Tagen und Wochen. Glaubt man außerdem den Prognosen der Firmen, ist ein Ende des Jobwachstums an der Oder zumindest in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht zu abzusehen.

Vor allem die drei auf Solartechnik spezialisierten Firmen Conergy, First Solar und Odersun AG wurden von den Besuchern regelrecht bestürmt. Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU), der vom Andrang „schier überwältigt“ war, sprach von einem an der Oder „ausgebrochenen Solarfieber“. Der Umsatz mit der Technik für erneuerbare Energien wachse jährlich um über 20 Prozent. „Wir erleben heute einen besonderen Glücksumstand, werden hier doch die Weichen für persönliches Lebensglück und geschäftliche Erfolge der Unternehmen gestellt.“

Allein 500 Jobs vergibt das Unternehmen Conergy aus Hamburg bis zum Sommer 2007 in der „modernsten Solarfabrik“ der Welt, wie der kaufmännische Projektleiter Stefan Heyn erklärte. Derzeit würden die ersten Maschinen in der nie in Betrieb gegangenen Chipfabrik montiert. „Die Halle ist 30 000 Quadratmeter groß. Insgesamt haben wir uns in der unmittelbaren Umgebung aber ein 345 000 Quadratmeter großes Grundstück gesichert“, sagte Heyn. „Wir sehen in der Photovoltaik, in der Solarthermie, bei der Biomasse und der Windenergie ein riesiges Potenzial.“ Von Frankfurt (Oder) aus werde die ganze Welt mit entsprechenden Anlagen beliefert. Künftig würden in der alten Chipfabrik 1000 Leute arbeiten – 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Chance auf einen Einstieg haben auch Branchenfremde: „First Solar“, das im Oktober seine Frankfurter Produktionsstätte in Betrieb nahm, hat die ersten einheimischen Mitarbeiter schon vor einigen Wochen zur Weiterbildung in die USA geschickt.

Übereinstimmend betonten alle drei Solarunternehmen und die japanische Elektronikfirma Yamaichi, die Versicherung Axa sowie die Call-Center-Betreiber Walter Tele-Medien und D + S Europe, bei den Bewerbern nicht auf das Alter zu achten. „Wir nehmen stets den am besten qualifizierten“, sagte „First Solar“-Geschäftsführer Heiner Eichermüller: „Gerade habe ich einen knapp 60-Jährigen eingestellt.“

In den Wandelgängen des Kleistforums belagerten die Besucher nicht nur die Stände der potentiellen Arbeitgeber, sondern ebenso die von Wohnungsunternehmen, Immobilienmaklern, Kita-Betreibern, Schulamt und Tourismusinformation. So mancher Interessent mit einer weit entfernten Adresse kannte sich in Frankfurt überraschend gut aus. Die Frauen und Männer hatten vor Jahren ihrer Stadt auf der Suche nach Arbeit den Rücken gekehrt. Nun hoffen sie auf neue Chancen in der alten Heimat.

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