Der Tagesspiegel : Autodiebe: Nach dem Marktbummel ist das Auto weg

Claus-Dieter Steyer

Gegen diese Profis halfen weder Wegfahrsperre noch Lenkradkralle. Im Handumdrehen hatten sie den neuen Audi aufgebrochen, gestartet und weggefahren. Der betroffenen Familie aus Berlin fielen sofort die vollbepackten Taschen aus den Händen. Nur kurz waren sie nach dem Tanken noch über den Markt gebummelt. Nun war ihr Auto verschwunden, mit Sicherheit auf Nimmerwiedersehen. Denn diese Autodiebe verstehen ihr Geschäft, wie die Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigen. Sie haben sich auf die deutschen Besucher des großen Basars in der polnischen Grenzstadt Slubice gegenüber von Frankfurt spezialisiert.

Bevorzugte Tatorte, so berichtet die Frankfurter Polizei, seien die Jet-Tankstelle direkt am Eingang zum Billigmarkt und die angrenzenden Parkplätze. Auf diese Gebiete entfielen zwei der drei in jeder Woche aufgenommenen Anzeigen über einen Pkw-Diebstahl in Slubice. Im Juli und August wurden allein in der Umgebung der Jet-Tankstelle mindestens 14 Fahrzeuge mit Kennzeichen aus dem gesamten Bundesgebiet gestohlen. Opfer der jüngsten Zeit sind vor allem Autobesitzer aus dem Berliner und westdeutschen Raum, da sich bei den Frankfurter Besuchern die Gefährlichkeit des Ortes schon herumgesprochen hat.

Die Diebe nutzen die besonderen Umstände am großen Markt von Slubice aus. Denn viele deutsche Autofahrer verschwinden nach dem Tanken - ein Liter Super bleifrei kostet derzeit rund 1,60 Mark - noch im Getümmel des Marktes. Große Sorgen um ihr Auto machen sich die meisten Besitzer nicht. Es steht, so glauben sie, sicher auf einem bewachten Parkplatz. Schließlich haben sie einen Schein für drei Zloty gekauft. Kontrolleure patrouillieren in dunkler Uniform zwischen den abgestellten Fahrzeugen. Dem Kauf von Zigaretten, Käse, Wurst oder Raubkopien von Filmen und Musik aller Art steht nichts mehr im Wege.

Doch ein Test an der Tankstelle in dieser Woche zeigte die wahren Befugnisse der Uniformierten. Sie kontrollieren nur das ordnungsgemäße Bezahlen der Parkscheine. Mehr Befugnisse haben sie nicht. "Wir kennen doch nicht jeden Autofahrer", sagt ein Mittvierziger im guten Deutsch. "Die Leute müssen schon selber aufpassen." Zusätzlich verbreiten offenbar noch andere Uniformen bei den Deutschen das vermeintliche Gefühl der Sicherheit. Diesmal sind Jacke und Hemd in blau gehalten. Es handelt sich hier allerdings um den Wachschutz der Tankstelle. Er achtet, so ergab jedenfalls die Beobachtung, nur auf das korrekte Bezahlen der Tankrechnung. Polizisten wurden nicht gesehen.

Der Sprecher des Schutzbereiches Frankfurt, Eberhard Heusterberg, rät dringend zu mehr Aufmerksamkeit für das eigene Auto beim Besuch dieses neuralgischen Ortes. "Eine Person sollte im Wagen bleiben." Anzeichen für Betrugsfälle deutscher Autobesitzer gebe es derzeit nicht, sagt Heusterberg. Drastische Strafen in solchen Fällen hätten wohl ihre Wirkung nicht verfehlt. Mitte der neunziger Jahre hatte Slubice den zweifelhaften Ruf, eine Drehscheibe für Betrügereien rund um das Kraftfahrzeug zu sein. Viele Deutsche verkauften damals rund um den Basar ihr Autos an polnische, bulgarische oder russische Banden, um dann in Frankfurt einen angeblichen Diebstahl anzuzeigen. Sie hofften auf die Versicherungsprämie. Inzwischen wird jeder Fall genau geprüft, so dass diese Betrugsversuche kaum noch auftreten. Auch wer in Frankfurt sein Auto abstellt und dann zu Fuß nach Slubice läuft, sollte sich den Parkplatz etwas genauer ansehen. Hier werden zwar kaum mehr Autos als in anderen deutschen Städten gestohlen. Dafür liegen die Einbrüche in Autos etwas über dem Durchschnitt.

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