Bahn : Täglich höchste Explosionsgefahr

Wie auf einem Pulverfass: Die Güterzüge in Berlin und Brandenburg donnern täglich mit Kesselwagons über die Gleise. Nur glückliche Umstände verhinderten in der Vergangenheit Katastrophen wie in der Toskana.

Claus-Dieter Steyer

Berlin/Schwedt – Nach dem schweren Zugunglück in der Toskana mit mindestens 13 Toten wächst in der Region Berlin-Brandenburg die Sorge vor einer ähnlichen Katastrophe. Denn nirgendwo in Deutschland ist das Gefahrenpotenzial so hoch wie hier. Das liegt vor allem an der geografischen Randlage der von mehreren Mineralölkonzernen betriebenen PCK Raffinerie GmbH in Schwedt an der Oder, rund 100 Kilometer nordöstlich Berlins. Von hier aus donnern täglich hunderte Güterzüge mit Kesselwaggons über die Gleise nach Süden und Südwesten. Dazu kommen Transporte mit Tankkraftwagen über Autobahnen und Landstraßen sowie Stadtstraßen Berlins. In den zurückliegenden Wochen verhinderten nur glückliche Umstände bei zwei Zugunglücken größere Schäden oder gar Tote.

Die PCK-Raffinerie produzierte im Vorjahr rund 10 Millionen Tonnen Kraftstoffe und einige andere Produkte. „Rund 5,6 Millionen Tonnen verließen das Werk über die Schiene“, heißt es. 2,9 Millionen Tonnen pumpte die Raffinerie für die Versorgung des Großraums Berlin in das Tanklager in Seefeld und 1,5 Millionen Tonnen werden über die Straße transportiert.

Das mit einer Pipeline verbundene Tanklager Seefeld befindet sich unweit der Ausfahrt Marzahn des nördlichen Berliner Autobahnrings. Von hier aus fahren Lastwagen zu Tankstellen in ganz Berlin und zu den Flughäfen, die im Vorjahr die Rekordsumme von 433 000 Tonnen Flugturbinenkraftstoff abnahmen. Zwar kommt es immer wieder einmal zu Unfällen mit solchen Tanklastern, aber meistens halten die Tanks dem Aufprall stand. Zuletzt war im Oktober 2004 ein mit 34 000 Litern Kerosin beladener Tanklastzug auf der A 114 in Pankow bei einem Ausweichmanöver wegen eines haltenden Pkw umgestürzt. Kein Tropfen Flugbenzin lief aus.

Ähnlich viel Glück hatten die Bewohner rund um den S-Bahnhof Berlin-Karow beim Zugunglück Mitte April. Damals war ein Regionalexpress auf einen mit Flüssiggas beladenen Kesselwagenzug aufgefahren. Es gab zwölf leicht verletzte Fahrgäste. Wie sich später herausstellte, wurde eine Explosion nur durch die Abschwächung des Aufpralls verhindert. Der Güterzug aus der PCK-Raffinerie, der versehentlich auf ein falsches Gleis gelenkt worden war, war noch mit etwa 35 Kilometern pro Stunde unterwegs, als der Regionalexpress aus Schwedt auf den letzten Kesselwagen auffuhr.

Kurz zuvor wurde das kleinen Dorf Stendell am PCK-Rangierbahnhof bei Schwedt in Angst und Schrecken versetzt. Wie von Geisterhand hatten sich damals 24 Kesselwaggons allein in Bewegung gesetzt. Dem Personal war es zwar gelungen, 22 Waggons abzubremsen. Zwei Waggons rollten allerdings zwei Kilometer weiter und kamen an einer Straßenbrücke zum Stehen. 80 000 Liter Benzin flossen damals ins Erdreich. Die Feuerwehr verhinderte eine Explosion.

Das bisher schwerste Unglück ereignete sich am 20. November 1997 im Bahnhof der südbrandenburgischen Stadt Elsterwerda. Hier entgleiste ein aus Schwedt kommender Güterzug mit 22 Kesselwagen voller Benzin. Ein Wagen explodierte sofort, umstehende Gebäude begannen zu brennen. Weitere Explosionen lösten eine Feuerwalze aus, in der zwei Kameraden der örtlichen Feuerwehr ums Leben kamen.

Die Deutsche Bahn AG versicherte gestern, dass Waggons für gefährliches Ladegut regelmäßig und häufiger als normale Güterwagen kontrolliert werden. „Alle vier Jahre werden Tanks gründlich von Sachverständigen untersucht“, sagte ein Bahnsprecher. Viele Unfälle gehen aber auf menschliches Versagen zurück.

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