Berlin : Alibi platzte nach vier Jahren

68-Jähriger steht wegen Überfalls auf Geldboten vor Gericht

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Die Ermittler hatten ihn im Visier. Sie gingen davon aus, dass Heinz L. am 9. November 2006 an dem spektakulären Überfall auf zwei Geldboten beteiligt war und noch kurz zu seinem tödlich verletzten Komplizen ging und sich dann „ruhigen Schrittes“ entfernte. Man nahm den Mann mit reichlich Hafterfahrung einen Tag später fest. Ein Freund aber gab ihm ein Alibi. Es platzte erst, als sich die beiden vier Jahre später um Geld stritten. Heinz L., inzwischen 68 Jahre alt, wurde erneut verhaftet und sitzt seit Dienstag vor Gericht.

Gelassen saß er da, die schmalen Hände gefaltet. „Weltmännisch und gewandt“ sei sein Auftreten, heißt es über den hageren Mann. In dem Prozess wegen versuchten schweren Raubes hielt er sich zurück. „Ich schweige“, teilte L. mit. Er kennt die Rolle als Angeklagter. Seit Mitte der 1980er Jahre saß der gelernte Kaufmann vor allem als Betrüger mehrfach vor Gericht. An die zwanzig Jahre Gefängnis kommen zusammen. In einer Zelle soll er seinen mutmaßlichen Komplizen kennengelernt haben: Otto R., mehrfach als Räuber verurteilt.

Es war gegen 21.30 Uhr, als ein Transporter der Firma Brinks auf dem Gehweg vor der Sparkassenfiliale an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain hielt. Zwei Geldboten stiegen aus, um die Automaten neu mit Scheinen zu bestücken. Plötzlich brüllte ein Mann: „Überfall, Geld her!“, und eröffnete sofort das Feuer. Die Wachleute zogen ihre Pistolen, schossen zurück. Sie ahnten nicht, dass es sich bei der Waffe des Räubers um einen Schreckschussrevolver handelte. Otto R., 59 Jahre alt, brach zusammen. Eine Kugel hatte sein Herz getroffen. Die Geldboten standen unter Schock. Der Todesschütze musste sich in psychologische Behandlung begeben. Die Angst vor Rache des zweiten Täters aber ist geblieben.

Als Otto R. blutend am Boden lag und die Lage für den Komplizen aussichtslos war, flüchtete der zweite Gangster. Zwölf Stunden später führten Schlüssel, die Otto R. bei sich hatte, zu einer Wohnung nur 500 Meter vom Tatort entfernt. Als die Polizisten klingelten, blieb Heinz L. gelassen. Er berichtete von der Zeit mit R. in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel. Einen Monat vor dem Überfall sei R. zu ihm in die Wohnung gezogen, aber oft unterwegs gewesen. Als die Schüsse fielen, so L. damals, habe er selbst vor dem Fernseher gesessen. Als ein Freund des Verdächtigen das Alibi bestätigte, musste man Heinz L. wieder freilassen.

Die Ermittler kamen nicht weiter. Im April 2007 wurde das Verfahren eingestellt. Heinz L., heute Rentner mit 540 Euro im Monat, soll sich erneut in die Welt der Geschäftemacherei begeben haben. Jener Mann, der sein Alibi bestätigt hatte, sei ein Partner gewesen. Als dieser in Haft saß, soll sich Heinz L. von ihm Geld angeeignet haben. Da wandte sich der einstige Freund an die Polizei und gab zu Protokoll: „L. hat mir erzählt, dass er bei dem Überfall dabei war.“ Der Prozess geht am Donnerstag weiter. Kerstin Gehrke

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