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    Unter Nachbarn

    Katharina Gapski, 39 (Foto erste Reihe in der Mitte), ist Produktionskoordinatorin beim Film und engagiert sich ehrenamtlich bei „Kreuzberg hilft“. Die Initiative entstand im August 2015, um Geflüchtete im Kiez zu unterstützen.

    Wie sieht die Unterstützung von „Kreuzberg hilft“ für Geflüchtete ganz konkret und praktisch aus? Im Mittelpunkt der Arbeit steht unser Spendenraum, mit welchem wir berlinweit Sachspenden ausfahren. Darüber lernen wir die Bedürfnisse der geflüchteten Menschen kennen und auch deren Unterstützer*innenkreise kennen. Diese gilt es, zu kommunizieren oder sie sogar durch geeignete eigene Aktionen oder Projekte zu unterstützen. In unserem inzwischen ordentlich gewachsenem Netzwerk unterstützen wir uns gegenseitig.

    Kreuzberg ist ein linker, multikultureller Bezirk. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass Ihr viel Unterstützung erhaltet – ist das tatsächlich so? Es ist wahr, dass wir den Luxus haben, auf die breite Unterstützung der Bürger*innen und auch der Verwaltung bauen zu können. Dadurch wird nicht jedes Problem gelöst und auch wir bemerken den Rücklauf zur Bereitschaft ehrenamtlicher Tätigkeit. Denn man darf nicht vergessen, „Kreuzberg hilft“ ist rein ehrenamtlich organisiert und das mitunter am Rande der seelischen und körperlichen Erschöpfung.

    Auch in Kreuzberg gibt es leider nach wie vor Rassismus und Xenophobie. Werdet Ihr angefeindet? Zum Glück vergleichsweise wenig. Eine Ausstellung im Rathaus wurde im letzten Jahr verschandelt – das war schon eine seltsame Erfahrung. Da ich selber nicht in die Betreuung der Facebookseite involviert bin, weiß ich nicht, wie es da aussieht – Hasskommentare lassen unsere Admins nicht durch. Wir sind aber auch angetreten, um mit einem niedrigschwelligem Angebot den Bürger*innen das Mitmachen zu erleichtern. Da gibt es zuweilen eher Unmut auf uns, wenn wir Spenden ablehnen müssen; manchmal muss das sein, zum Beispiel, wenn es ungeeignete Sachen sind, die Qualität mangelhaft ist oder wir aus Platzgründen nur aktuelle Saisonwaren annehmen können.

    Wie bist Du persönlich zu „Kreuzberg hilft“ gekommen? Ich habe eine Einsatzmöglichkeit gesucht, um mich im Sommer 2015 nützlich machen zu können.

    Engagiert sich „Kreuzberg hilft“ auch politisch? Nun, natürlich ist das, was wir machen, politisch. Wir unterstützen Menschen auf der Flucht beim Ankommen an einem Ort, der – vielleicht vorübergehend, vielleicht für immer – ihre Heimat sein wird. Wir kritisieren die Fluchtursachen. Wir unterstützen die Integration, wir unterstützen den Abbau von Vorurteilen und Rassismus. Wir unterstützen eine positive Entwicklung im Umgang mit Menschen auf der Flucht – gerade auch als Kreuzberger im Hinblick auf die Geschehnisse um die sogenannten Oranienplatzflüchtlinge. Wir sehen unsere Arbeit kritisch und hinterfragen die Verantwortung der Politik und der Verwaltung unter anderem im Hinblick auf die Einhaltung ihrer Zusagen. Ebenfalls kritisch sehen wir unser eigenes Ehrenamt dabei.

    Wer „Kreuzberg hilft“ unterstützen möchte, aber wenig Zeit hat, kann sich mit Geld- oder Sachspenden einbringen. Auch sonst ist jede Art von Hilfe willkommen, von Dolmetschen bis zu Kinderbetreuung. Zur Koordination kann man sich selbstständig in einen Schichtplan eintragen – einfacher geht helfen nicht. Alle Informationen gibt es hier

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

hui, mittlerweile gibt es in fast jedem Newsletter eine Erfolgsgeschichte in Sachen Gentrifizierung zu vermelden. Diese Woche können sich die Mieter der Kreuzberger Cuvrystraße 44 und 45 freuen: Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) bestätigte am Montag, dass der Bezirk am letztmöglichen Tag sein Vorkaufsrecht ausgeübt habe, um den Verkauf an den Immobilienmakler David Borck zu verhindern. Dieser hatte sich bereits mit der Voreigentümerin geeinigt, die beiden vierstöckigen Nachkriegsbauten für 1,9 Millionen Euro zu kaufen; stattdessen übernimmt jetzt die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM). „Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg macht es sich zur Aufgabe, die Zahl der Vorkäufe von Jahr zu Jahr substantiell zu erhöhen, um breite Teile der Wohnbevölkerung vor Verdrängung zu schützen“, erklärte Schmidt am Mittwoch. Das Eingreifen in der Cuvrystraße sei erforderlich, weil dort viele Haushalte auf günstigen Wohnraum angewiesen seien.

Noch Mitte September versicherte der verhinderte Käufer Borck den Mietern bei einem Runden Tisch, dass er „nicht vorhabe, jemanden zu verdrängen“. Ob er dieses Versprechen tatsächlich gehalten hätte, ist fraglich: Die Mieten in den Häusern liegen durchschnittlich noch bei rund 3,45 Euro pro Quadratmeter, eine Heizung gibt es bisher nicht (die wollte Borck jedoch einbauen lassen, ebenso plante er eine Fassaden- und Elektriksanierung); nach Investoren-Maßstäben hätte sich so keine Rendite erzielen lassen, auch wenn Borck der Mieterinitiative Bizim Kiez zufolge in den Verhandlungen stets als Privatmann agiert und betont habe, er wolle das Haus „zur Absicherung seiner Altersvorsorge“ bewirtschaften.

Borck willigte dann auch nicht in die geforderte Anwendungsvereinbarung mit dem Bezirk ein, sich für 20 Jahre den Zielen des Milieuschutzes zu verpflichten, sprich keine teuren Modernisierungsmaßnahmen und keine Umwandlung in Eigentum vorzunehmen. Statt  zu unterschreiben kündigte der Immobilienmakler an, gegen die Ausübung des Vorkaufsrechts zu klagen – jetzt bleibt abzuwarten, ob er tatsächlich vor Gericht geht.

Mit dem Kauf der Cuvrystraße 44/45 übt der Bezirk zum neunten Mal sein Vorkaufsrecht aus, zehn Mal wurden Verkäufe durch Intervention des Bezirks abgewendet, unter anderem beim „Monster“ NKZ. Derzeit prüft der Bezirk gerade weitere mögliche Vorkaufsfälle in der Schönleinstraße und in der Eckerstraße. Außerdem werde geprüft, ob in den Gebieten Askanischer Platz/Mehringplatz und Moritzplatz/Wassertorplatz die Milieuschutz-Voraussetzungen vorliegen. „Weitere Gebiete im ganzen Bezirk kommen für die Ausweitung in Frage“, so Schmidt. Investoren dürfen sich jetzt also gerne nach einem neuen Spielplatz außerhalb von Xhain umsehen.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de. Der Autorin auf Twitter folgen: @nele_jensch 

Nele Jenschs Tipp für Sie

Jetzt, wo die Touristenströme langsam wieder abflauen, kann man mal wieder einen Ausflug in die Simon-Dach-Straße wagen, ohne durch leere Bierflaschen zu waten, um der Primitiv-Bar einen Besuch abzustatten. Schon von außen hebt sich sich die alteingesessene Kneipe von den vielen 08-15-Cocktailbars rundherum mit ihrem Schild in kyrillischer Schrift ab und auch die leicht plüschige Einrichtung mutet russisch an. Auf den ersten Blick wirkt die Primitiv-Bar relativ klein, offenbart aber hinter dem Tresen einen zweiten Raum, in dem sogar ein DJ-Pult und eine Mini-Tanzfläche Platz finden. Letztere ist zwar spätestens ab Mitternacht von um die Tische gedrängten Gästen besetzt (der DJ hat dann meistens noch nicht mal angefangen), aber der gute Wille zählt. Schummriges Licht, verhältnismäßig günstige und vor allem gute Drinks, die Atmosphäre irgendwo zwischen Stammkneipe und hippem Club – was will man mehr? Geraucht werden darf auch, weshalb spätestens ab 22 Uhr die Luft in bester Ostblock-Manier zum Schneiden ist. Wundern Sie sich nicht, wenn mehr oder weniger nackte Damen mit 20er-Jahre-Accessoires an der Bar stehen, dann haben Sie Glück gehabt und sind am Burlesque-Abend da. Simon-Dach-Straße 28, täglich ab 18 Uhr.

#MeinKreuzberg