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    Unter Nachbarn

    Fast jedes Kind glaubt, irgendwann einmal zu wissen, was es später werden will. Die meisten legen ihre ersten Berufswünsche schnell wieder ad acta, doch einige wenige verwirklichen ihren Kindheitstraum tatsächlich. So auch Mirko Schallenberg. Er verwandelte Wunsch in Wirklichkeit und wurde Maler. Schallenberg ist Realist im weitesten Sinne, beschäftigt sich mit der Gegenständlichen Malerei. „Man kann mit nur etwas Farbe auf einer Fläche Räume entstehen lassen und Geschichten erzählen, die so noch gar nie da waren“, sagt er. In den Neunzigerjahren war der gebürtige Göttinger zum Studium nach Braunschweig – „damals ein Geheimtipp für Gegenständliche Malerei“ – gezogen, später wurde er Meisterschüler von Hermann Albert. 1999 zog Schallenberg mit seiner Partnerin, der Malerin Kathrin Rank, nach Berlin, genauer gesagt, „wie alle Künstler nach Prenzlauer Berg“. Mit Freunden eröffnete die beiden eine Galerie Unter den Linden.

    Nach ein paar Jahren im Berliner Osten verschlug es Schallenberg schließlich nach Kreuzberg. Seit 2005 lebt er hier in einem historischen Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert. „Hier ist einfach alles normaler“, sagt Schallenberg. Als gegenständlicher Maler brauche er weder Inspiration von außen, noch coole Menschen. „Ich brauche die Ruhe meines Ateliers“, sagt er und blickt auf die Leinwand an der Wand. Darauf: eine rauchende Kerze, ein Glas, ein Brett und ein Haufen Erde, aus der sich ein Wurm windet. Seit Wochen arbeitet er daran. Zehn bis zwölf große Bilder stellt Schallenberg im Jahr her, im Idealfall bringen sie fünfstellige Beträge ein. Gerade in Berlin, wo es etwa 450 Galerien gibt, sei der Markt jedoch umkämpft. „Es werden jeden Tag mehr Künstler – wahrscheinlich auch weil Selbstausbeutung ein Lebensstil geworden ist“, sagt Schallenberg.

    Diese Woche stellte Felix Hackenbruch einen Nachbarn vor. Wollen Sie sich hier vorstellen, oder kennen Sie jemanden, der in dieser Rubrik vorkommen sollte? Schreiben Sie mir eine Mail an leute@tagesspiegel.de. Ich melde mich bei Ihnen.

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Stephan Wiehler ist verantwortlicher Redakteur für Projekte und Entwicklung. von Stephan Wiehler tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Dass es sich bei all den Debatten um Gentrifizierung fast lohnen könnte, dem Thema einen ganzen Newsletter zu widmen, hatte ich bereits vergangene Woche geschrieben. Dabei bleibt es wohl. Nach der Verdrängung ist in Friedrichshain-Kreuzberg vor der Verdrängung. Während der Streit um die Bäckerei Filou noch nicht beendet ist, kämpfen nun auch der Buchladen Kisch und Co. in der Oranienstraße und der Gemischtwarenladen Bantelmann in der Wrangelstraße um ihre Existenz. Letzterer existiert bereits seit 36 Jahren, ist seit vier Jahren in der Hand von Alexandra Lack. Die wuchs im gleichen Haus auf und übernahm den kultigen Haushaltswarenladen vom alten Firmenchef „Onkel Bantelmann“. Nach 36 Jahren soll jetzt allerdings Schluss sein: Der Mietvertrag wurde gekündigt, bis Ende März soll die Betreiberin raus. „Wir verlieren damit unser Einkommen und rutschen direkt in Hartz4“, sagt Lack. Auch auf mehrfaches Bitten hätten sich die Eigentümer auf kein Angebot eingelassen. Eingeschaltet in die Debatte hat sich auch die Abgeordnete im Deutschen Bundestag für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Cansel Kilzitepe (SPD). Ihr Brief an die Eigentümer bleibt bis heute unbeantwortet.

„Früher war hier alles Ghetto, dann wurde es Multi-Kulti und jetzt wird es Schicki-Micki“, sagt Lack. Ausrichten könne man dagegen nur wenig. Was man allerdings tun könne, sei demonstrieren. Genau das macht der Kiez an diesen Samstag. Unter dem Motto: „Wir bleiben alle!“ werden die Demonstranten vom Heinrichplatz bis zum Bantelmann in der Wrangelstraße ziehen und so ein Zeichen setzen – für Solidarität in der Nachbarschaft und gegen Verdrängung. bizim-kiez.de, berlin.zwangsraeumungverhindern.org

Ann-Kathrin Hipp ist Volontärin beim Tagesspiegel. Die gebürtige Rheinland-Pfälzerin lebt seit vier Jahren in Berlin. Bei Twitter ist sie auch zu finden. Anregungen, Kritik, Wünsche, und Tipps gerne via Mail an leute@tagesspiegel.de.

Ann-Kathrin Hipps Tipp für Sie

Vor einem halben Jahr war ich auf Kuba und habe mich ein bisschen verliebt: In den morbiden Charme der heruntergekommenen Häuser, in die bunten Oldtimer als Relikt einer vergangenen Zeit und in die lockere Atmosphäre. Auf dem Inselstaat ist alles ein bisschen bunter, lauter und ausgelassener. Getanzt wird von morgens bis abends, Rum, Zigarren und Musik gibt es an jeder Ecke. Jetzt kommt eine Brise Kuba nach Berlin. Genauer gesagt in die Werkstatt der Kulturen. „Die Mundart der Trommeln“ ist Tanzaufführung und Konzert in einem, in dem sich die afro-kubanischen und afro-brasilianischen Musik-Kulturen treffen. Eine Reise von den traditionellen Trommeln bis zu den zeitgenössischen Musikrichtungen wie Samba und Rumba. Inszeniert von den Choreographen Murah Soares (Brasilien) und Joaquín La Habana (Kuba). Eintritt kostet das Ganze 12 € / erm. 10 € / 5 € mit Berlinpass. Karten gibt es an der Abendkasse, weitere Infos hier.

#MeinKreuzberg