Zu Besuch im Repaircafé in Kreuzberg : Das Wir-reparieren-selber-Konzept

Manchmal scheint das Wegwerfen einfacher, als eine Reparatur. In Berlins erstem Repaircafé sagen einige Kreuzberger der Wegwerfgesellschaft den Kampf an. Ein Besuch.

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Ein Blick ins Innere eines Reiskochers. Im Repaircafé helfen Elektriker ehrenamtlich bei der Reparatur von Haushaltsgeräten.
Ein Blick ins Innere eines Reiskochers. Im Repaircafé helfen Elektriker ehrenamtlich bei der Reparatur von Haushaltsgeräten.Foto: Carmen Schucker

Ein unachtsamer Moment und schwups: Das wichtigste Elektro-Gerät des Haushalts hat den Geist aufgegeben. Für Paula Hildebrandt ist dieses Gerät nicht etwa die Kaffeemaschine, sondern ihr Reiskocher. Weil das Netzkabel in einem unachtsamen Moment auf die angeschaltete Herdplatte kam, ist es nun durchgeschmort. Doch den Reiskocher deswegen gleich wegschmeißen? Paula Hildebrandt gibt ihm noch eine Chance und bringt ihn ins Kreuzberger Repaircafé. Immer einmal im Monat können Berliner ihre kaputten Elektrogeräte in das Atelier von Elisa Garrote Gasch bringen und sich unter fachlicher Anleitung an der Reparatur beteiligen. Dafür wird im Hinterhof in der Alexandrinenstraße neben den Werkzeugen und zwei großen Arbeitstischen ein kleiner Tisch mit Kaffee und Kuchen hergerichtet. Jeder Besucher ist eingeladen, etwas beizusteuern, was die Wartezeit versüßt. Elisa Garotte Gasch verteilt an diesem Nachmittag eifrig Nummern, um den Überblick zu behalten, etwa ein Dutzend Besucher ist gekommen. An den Wänden hängt eine Installation aus kleinen Cocktailschirmchen, normalerweise arbeitet die Künstlerin hier an ihren Kunst-Objekten. Doch heute stecken hier drei ehrenamtliche Techniker mitten in der Arbeit; vor ihnen liegen kaputte CD-Player, Eieruhren und Kassettenrekorder.

Helmut Wagner, der seit drei Monaten im Repaircafé mitarbeitet, hat im Nu die Bodenabdeckung des Reiskochers gelöst. Dessen Besitzerin steht daneben und staunt: „Es ist super, mal da reinschauen zu können.“ Doch der gelernte Elektriker aus Bayern ahnt schon beim ersten Blick: „Das wird eine Frickelarbeit.“ Zunächst muss ein Ersatz für das kaputte Netzkabel gesucht werden, sonst kann der Techniker nichts ausrichten. Er verschwindet für einen kurzen Moment. „Wir haben Glück“, meint Helmut Wagner und kommt mit einem schwarzen Kabel zurück. Doch nun kommt erst die eigentliche Arbeit: Das alte Netzkabel ist äußerst fest am Reiskocher montiert. Auch Paula Hildebrandt packt beim Abschrauben mit an. Und das ist im Repaircafé ausdrücklich erwünscht. Denn die Arbeit baut auf einem Hilfe-zur-Selbsthilfe-Konzept auf.

Repaircafés deutschlandweit im Trend

Ursprünglich stammt die Idee für das Repaircafé aus den Niederlanden, wo es bereits seit 2009 ein Café dieser Art gibt, erklärt Elisa Garotte Gasch. „Mittlerweile sind es in den Niederlanden über hundert.“ Die Spanierin fand die Idee so gut, dass sie sich mit dem Verein Kunst-Stoffe e. V., zusammentat, um Berlins erstes Repaircafé zu gründen. Im Januar 2013 konnte es dann losgehen. Nach über einem Jahr haben sich noch weitere Repaircafés in Prenzlauer Berg, Spandau, Treptow und Wedding etabliert. Auch deutschlandweit findet die Idee Anklang. Ob Bad Salzuflen, Hamburg oder Wiesbaden: Das Konzept findet immer mehr Nachahmer. Doch ohne das ehrenamtliche Engagement und Spenden, würde das Konzept des Repaircafés nicht aufgehen.

Immer einmal im Monat können Berliner ihre kaputten Elektrogeräte in das Atelier von Elisa Garrote Gasch bringen und sich unter fachlicher Anleitung an der Reparatur beteiligen.
Immer einmal im Monat können Berliner ihre kaputten Elektrogeräte in das Atelier von Elisa Garrote Gasch bringen und sich unter...Foto: Carmen Schucker

„Wir bekommen ein sehr gutes Feedback und mittlerweile wollen so viele Menschen kommen, dass jeder sich im Vorfeld anmelden muss“, sagt Gasch. Besonders oft bringen die Kunden alte Radios, Wasserkocher oder Toaster mit. „In 60 bis 70 Prozent der Fälle können wir die Geräte wieder zum Laufen bringen“, meint die Initiatorin.

Nach mittlerweile 30 Minuten hat sich auch Helmut Wagner ein Stück Kuchen und Kaffee bringen lassen. Der Austausch des Kabels gestaltet sich schwierig, weil eine weitere Sicherung in dem Kabel eingebaut ist. Derweil geht es im Tischgespräch um Nutzen und Funktion eines Reiskochers. „Ohne Reiskocher könnte ich gar nicht mehr leben“, sagt die 37-jährige Besitzerin schmunzelnd und fügt erklärend hinzu: „Im Reiskocher wird der Reis einfach genau richtig, nicht klebrig oder matschig.“ Noch ist sie zuversichtlich, dass sie ihn heute wieder funktionstüchtig nach Hause mitnehmen kann.

„Es muss sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern“

Einen Tisch weiter sitzt Silvia Baury vor ihrem alten Sony-Kassettendeck. „Das ging das letzte Mal vor circa zwei Jahren“, meint die Kreuzbergerin. Schneller als gedacht hat Techniker Stefan Bolscho das Gerät wieder in Gang gebracht. Die Pegel schlagen wieder aus. Der Techniker zeigt ihr noch schnell, wie er mit einem Handgriff die Transportrolle wieder zum Laufen gebracht hat. Er erklärt, dass es an den Weichmachern im Gummi liegen könnte, dass die Räder nicht mehr einwandfrei liefen. Silvia Baury ist begeistert – auch von dem Konzept des Café. „Es muss sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern“, meint die 65-Jährige. „Ich habe fünf Enkelkinder und es liegt mir viel an der Umwelt. Deswegen ist mir eine Kehrtwende weg von einer Konsumgesellschaft sehr wichtig.“ So versucht sie, so wenig wie möglich wegzuwerfen.

Im Atelier von Elisa Garotte Gasch ist es ziemlich voll geworden. Es wird noch eine Weile dauern, bis alle an der Reihe waren. Zwischendurch klingelt eine wieder funktionstüchtig gemachte Eieruhr, was ein mehrfaches „Oh“ zur Folge hat.

Nach einer guten Stunde sitzt auch die letzte Sicherung des Reiskochers wieder an der richtigen Stelle und das neue Netzkabel ist angebracht. Paula Hildebrandt bedankt sich bei ihrem Helfer: „Sieht richtig gut aus.“ „Das Kabel ist jetzt auch so lang, dass sie es um den Herd herum legen können“, scherzt Wagner daraufhin. Hildebrandts Fazit an diesem Abend: „Ich finde das Format und die Idee großartig.“

Und die Arbeit aller ehrenamtlicher Helfer wird nicht nur durch das Strahlen der Kunden belohnt: Im letzten November erhielt das Repaircafé den Berliner Umweltpreis 2013 des BUND.

Anmeldung, Termine und Infos rund um Repaircafés in Berlin und deutschlandweit finden Sie unter: www.repaircafe.de und www.kunst-stoffe-berlin.de.

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

Kreuzberger Impressionen
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1 von 190Foto: Sara Schurmann
19.10.2014 19:41Viele Berliner ließen ihre Beine über dem Landwehrkanal baumeln oder fuhren noch einmal Schlauchboot.

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