• Unter Nachbarn

    Irène Bluche, 38, ist Journalistin beim Kulturradio des RBB und wurde vergangene Woche mit dem Berliner Journalistenpreis „Der lange Atem“ ausgezeichnet – für ihre Langzeit-Reportage über eine Teenagermutter aus Hellersdorf.

    Eigentlich wollte sie vor neun Jahren einen Beitrag über Jugendsexualität erstellen. Doch bei ihrer Recherche im Hella-Klub in der Tangermünder Straße traf Irène Bluche die 13-jährige Mandy, die ein Kind erwartete. Charly, ihr Freund, hatte sie im Alkoholrausch geschwängert, jetzt musste sie irgendwie damit klarkommen. Die Journalistin begleitete sie dabei – und hat sie bis heute nicht aus den Augen verloren. Regelmäßig verabredet sie sich mit Mandy und ihren Eltern, bei denen Jonny aufwächst, während die junge Mutter mit ihrem Leben kämpft, Schulabbruch, Ausbildung und allem, was sich Zukunft nennt. Sieben Radioreportagen, meist 25 Minuten lang, sind seitdem im Abstand von ein bis zwei Jahren entstanden. Sie erzählen, aber urteilen nicht.

    Mandy, Charly, Jonny – stimmen am Ende doch alle Klischees? „Ich finde eben nicht“, erzählt Irène Bluche. „Wie sie ihr Leben meistern, das ist überhaupt nicht klischeehaft.“ Dass Mandy völlig überfordert ist, hält sie in dieser Lage für normal. „Das war so ein großer Bruch, das hat sie bis heute nicht verwunden“, sagt die Journalistin. Aufwachsen ohne Jugend: Noch immer, während sie bald 23 Jahre alt ist und ihr Sohn neun wird, hat Mandy deshalb die Mutterrolle nicht angenommen. Jonny lebt bei seinen Großeltern Monika und Frank, die sich wie Eltern um ihn kümmern. „Sie haben einen großen Familiensinn“, berichtet Irène Bluche. „Sie wollen es bei Jonny auch besser machen – und lieben ihn.“

    Ein wichtiger Faktor ist auch das Umfeld. „Ehrlich gesagt, war ich überrascht, wie gut das läuft“, lobt die Reporterin das soziale Netz im Bezirk. „Das Jugendamt war die ganze Zeit dran an Mandy und Jonny und auch an Charly.“ In der Kita gab es einen Ganztagsplatz, die Großeltern setzten sich für Ergo- und Psychotherapie ein, die auch bewilligt wurde. Beim Hellersdorfer FC blüht Jonny in der Fußball-Jugend auf. In der Schule zählt er zu den Besten. „Das fand ich beeindruckend“, resümiert Irène Bluche, „dass ein Kind so viele Möglichkeiten hat.“

    Die Reportagen sind alle archiviert, sie lassen sich hier herunterladen. Wie lange das noch so gehen soll? Eigentlich sollte die Reihe mit Mandys 18. Geburtstag enden, aber vielleicht macht sie jetzt noch weiter, bis Jonny erwachsen ist – wenn er das will, sagt Irène Bluche. „Das wäre ein total verrücktes Projekt.“ Oder eben: ziemlich Hellersdorf.

    Foto: Gregor Baron/RBB

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de.

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von Ingo Salmen tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Marzahn-Hellersdorf,

hoppla, was ist das? Eine „Pressemitteilung zur IGA 2017 und diffamierenden Werbekampagnen“ im Posteingang. Irgendwas verpasst? Halb so wild. Nur die Junge Union, die zweierlei in einen Topf wirft: ihre Entrüstung über die „Gruseliger-als-Marzahn“-Plakate eines sächsischen Freizeitparks und ihre sicher ganz tief empfundene Dankbarkeit für das grüne Glück namens IGA. „Ein Blick vor Ort bewirkt mehr als ein Blick in die Klischee-Schublade“, lässt sich Timm Schmidt, stellvertretender Kreisvorsitzender und „Leiter AG Inhalt“ zitieren. Und der JU-Chef Robert Kovalev ist noch ganz im Fedidwgugl-Modus: „Die IGA hat allen Aufgeschlossenen gezeigt, wie attraktiv der Bezirk ist, in dem wir gerne leben und arbeiten.“ In diesem Duktus ist auch die anderthalbseitige Ergebenheitsadresse verfasst, die der CDU-Nachwuchs vier Unternehmen geschickt hat, drei davon übrigens in Landeseigentum. Danke, BVG! Danke, BSR! Danke, Leitner! Danke, Grün Berlin! Was fehlt? Na, klar: Danke, Merkel!

Ingo Salmen ist Online-Redakteur beim Tagesspiegel. Und bei Twitter ist er auch zu finden. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-i.salmen@tagesspiegel.de.

Ingo Salmens Tipp für Sie

Im Schloss Biesdorf kommt’s sonntags jetzt ganz dicke. Das Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum führt ein neues Veranstaltungsformat ein: die monatlichen ZKR-Sonntage – ein Thementag, vollgepackt mit Programm zur aktuellen Ausstellung. Los geht es schon in dieser Woche, am 26. November, von 12 bis 18 Uhr mit dem ZKR-Sonntag „Fotografie“, die bekanntlich auch im Mittelpunkt der Schau „Blick Verschiebung“ steht. Gleich zu Beginn bieten ZKR-Direktorin Katja Aßmann und der Fotograf Sven Gatter eine Künstlerführung. Gemeinsam gehen sie auf die verschiedenen Orte Ostdeutschlands ein, deren Wandel die Ausstellung dokumentiert. Mit Ludwig Rauch stellt um 14 Uhr ein weiterer beteiligter Künstler seine Arbeit vor.

Der Ausstellungstitel „Blick Verschiebung“ passt auch zum Werdegang des renommierten Fotografen: Der gebürtige Leipziger schildert in seinem Vortrag, wie sich Biografie und Fotografie gegenseitig bedingen. Kostenloser Bonus: Um 15.30 Uhr lädt Rauch zur Mappenstunde. Fotografinnen und Fotografen vom Anfänger bis zum Profi können dem Ostkreuz-Dozenten ihr eigenes Fotoprojekt vorstellen und sich Lob, Anregungen und konstruktive Kritik abholen. Wer Lust darauf hat, sollte sich schon bis Mittwoch, 22. November, per E-Mail formlos bei Thea Dymke vom ZKR anmelden. Ein großes Stück Biografiearbeit bildet auch den Abschluss des Tages: Um 15.30 Uhr ist der preisgekrönte Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ zu sehen, der Leben und Werk des für seine Sozialreportagen bekannten brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado beleuchtet. Zwei Bewunderer haben sich dafür mit ihm auseinandergesetzt: Wim Wenders und der eigene Sohn Juliano Ribeiro Salgado.

Einen Nachschlag gibt’s übrigens montags, und zwar jede Woche: Ab sofort gibt’s den Eintritt dann zum halben Preis von 2,50 Euro oder kombiniert mit einer Führung um 16.30 Uhr für 4 Euro. zkr-berlin.de

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