Welcome Center in Pankow : Hartz IV und andere Fremdwörter

Nach Pankow zieht es nicht nur Berliner aus anderen Bezirken. Auch Migranten aus der EU haben den Norden für sich entdeckt. Eine Beratungsstelle soll ihnen die ersten Schritte in den deutschen Alltag ebnen.

von
Eröffnung des Awo-Welcome Centers im Pankower Bezirksamt.
Eröffnung des Awo-Welcome Centers im Pankower Bezirksamt.Foto: Ulrike Scheffer

Im Pankower Bezirksamt gibt es künftig eine Anlaufstelle für Migranten. Zwei Mitarbeiterinnen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) beraten in dem "Welcome Center" Zuzügler aus dem Ausland bei ihren ersten Schritten im deutschen und Berliner Alltag. Das Büro der Awo ist beim Bürgeramt in der Fröbelstraße untergebracht. "Pankow war bisher ein weißer Fleck auf der Karte der Migrationsberatungsstellen", sagte Anke Otter-Beaujean dem Tagesspiegel. Doch seit auch Pankow immer mehr Zuwanderer zu verzeichnen habe, sei der Bedarf an Beratungsleistungen für Neubürger aus dem Ausland gewachsen.

Pankow wächst stärker als andere Bezirke

Pankow gehört inzwischen zu den drei zuwanderungsstärksten Berliner Bezirken. 2014 zogen erstmals mehr Ausländer in den Norden der Stadt als Bürger aus anderen Berliner Stadtteilen. Mehr als 500 Zuwanderer sind es jeden Monat, die Hälfte stammt aus EU-Staaten, vor allem aus Spanien, Polen und Italien. Die meisten sind gut ausgebildet und kommen nach Deutschland, weil sie hier bessere Jobperspektiven haben. "Im Idealfall sollte natürlich das Bezirksamt selbst ein Welcome Center sein", sagte Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) am Mittwoch bei der Eröffnung der Awo-Beratungsstelle. Doch so weit sei man in Pankow leider noch nicht.

Defizite bei Behörden

Tatsächlich hatte eine vom Bezirksamt in Auftrag gegebene Studie zur Integration von Migranten in Pankow Anfang des Jahres erhebliche Defizite gerade bei den Behörden festgestellt. Die für die Studie befragten Migrantenorganisationen sprachen von Diskriminierung und Alltagsrassismus in Pankower Ämtern und beim Jobcenter. Migranten würden zudem häufig Sozialleistungen widerrechtlich verweigert.

Pankows Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial kündigte daraufhin an, das Thema verstärkt in den Blick zu nehmen. Auf ihre Initiative geht auch das Welcome Center in der Fröbelstraße zurück. Finanziert wird es über ein Bundesprogramm, dessen Mittel im Herbst 2014 noch einmal aufgestockt wurden. Allein in Berlin können die Wohlfahrtsverbände dadurch neun weitere Stellen für die Migrantenberatung schaffen. Zwei davon hat die Awo nun im Pankower Bezirksamt angesiedelt.

Die beiden dort tätigen Mitarbeiterinnen können Hilfestellungen in Polnisch, Englisch, Arabisch und Spanisch geben. Sie informieren beispielsweise über Deutschkurse, über den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, über Möglichkeiten, eine Wohnung zu finden, oder über das deutsche Minijob-System. "Für die meisten Migranten ist das der Einstieg in den Arbeitsmarkt, auch für Akademiker", erklärt Anke Otter-Beaujean.

Falsche Erwartungen

Marita Orbegoso vom hispanischen Migrantenverein MaMis Movimiento hat die Erfahrung gemacht, dass gerade die gut ausgebildeten europäischen Zuwanderer oft mit falschen Vorstellungen nach Deutschland kommen. "Sie gehen davon aus, sofort Arbeit zu finden oder ein eigenes Projekt auf die Beine stellen zu können, und sie unterschätzen, dass fehlende deutsche Sprachkenntnisse eine große Hürde darstellen." Auch das Behördendeutsch stelle viele Zuwanderer vor große Herausforderungen. "Wie soll man beispielsweise wissen, was Hartz IV ist?"

Direkter Draht

Die Unterbringung einer Beratungsstelle in einem Bezirksamt ist neu in Berlin. "Wir hoffen, dass wir so einen direkten Draht zu Migranten aufbauen können", sagt Otter-Beaujean. Bisher erführen viele Zuzügler nur über Mund-zu-Mund-Propaganda von den Angeboten der Wohlfahrtsverbände. Es sei also Zufall, ob jemand den Weg dorthin finde oder nicht. "Wir wollen aber doch, dass sich alle Zuwanderer schnell und gut integrieren. Davon haben wir schließlich alle etwas."

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

8 Kommentare

Neuester Kommentar