Berlin : BSE: Der Döner-Imbiss setzt nun auf Puten-Gyros

Clemens Wergin

Berlin ist ohnehin nicht als Gourmet-Hauptstadt bekannt. Jetzt kommen durch die BSE-Gefahr aber auch volkstümlichere Erzeugnisse der Berliner Küche wie die Currywurst und der Döner Kebab ins Gerede. Bei der Vorstellung des "Ernährungsberichtes" vor zwei Tagen warnte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Helmut Ebersdobler, vor allem, was in zerkleinerter, also nicht mehr eindeutig zu identifizierender Form auf den Tisch kommt. Denn bei Würsten und Fleischsoßen kann man nie genau wissen, was darin ist. So gerät auch die Currywurst in Verdacht, die laut Lebensmittelrecht Schweine- und Rindfleisch enthalten darf. Und der traditionell aus Kalbfleisch hergestellte Döner steht sowieso auf dem Index, da man Kalbfleisch nicht auf BSE testen kann - der Nachweis bietet erst für Tiere ab 30 Monaten verwertbare Ergebnise. Steht also die berühmte Berliner Imbiss-Kultur auf dem Spiel?

Roland Dietl vom "Kant 7" sieht alles etwas gelassener: "Klar, die Leute machen schon ihre Witze, aber letztlich fragt niemand, was denn nun genau in der Wurst drin ist." Für ihre Produkte werde aber nur Schweinefleisch verarbeitet, einen Rückgang der Verkaufszahlen habe man nicht bemerkt. Zwei Bauarbeiter, die gegenüber am neuen Kranzler-Eck von Helmut Jahn arbeiten, kaufen auch weiter jeden Tag hier ihre Wurst. "Was soll ich denn sonst essen, da dürft ich ja gar nichts mehr essen", sagt Theo. Auch er hat sich noch nie für den Inhalt seiner Currywurst interessiert. Nervöser ist man da schon bei Konnopke an der

U-Bahn Eberswalder Straße. Hier wird jede Auskunft verweigert, man sei in Zeitnot - und das bei vier Leuten hinter der Theke.

Während sich also in der Berliner Wurst-Szene wenig bewegt, reagieren die türkischen Imbissstände umso schneller auf die BSE-Krise. Überall werben Schilder mit "Chicken-Kebab" aus Hühnerfleisch um die Gunst der Kunden. Ein Steh-Bistro an der Potsdamer Straße bietet sein "Puten Gyros" mit großem Plakat an, "damit die Leute nicht denken, wir hätten anderes Fleisch", wie Inhaberin Sukriye Erçelik sagt. Sie verkauft gar keine Produkte mehr mit Rindfleisch. "Früher hatten wir auch Börek mit Hackfleisch gefüllt", sagt sie, "aber das wollen die Kunden gar nicht mehr, auch kein Hammelfleisch". Also ist sie auf vegetarische Gerichte umgestiegen - Börek gibt es nur noch mit Schafskäse. Ihren Puten-Döner bezieht Erçelik von Mustafa-Döner, die ausschließlich mit Hühner- und Putenfleisch arbeiten.

Ebenfalls in die Offensive geht die Steakhaus-Kette "Maredo". Schließlich hat man hier schon immer aufs richtige Rind gesetzt - nämlich jenes mit argentinischem Pass. Seit der Entdeckung der ersten BSE-verseuchten Kuh in Deutschland bekommt der Gast ein Info-Blatt als Teller-Untersetzer. Hier garantiert der Geschäftsführer von Maredo Deutschland, dass Maredo-Rinder sich "ausschließlich von natürlichen, saftigen Futtergräsern und Kräutern" ernähren. Außerdem kontrolliere man die Verwertungskette bis in jede der 65 deutschen Filialen. Dennoch hat Jan Siebert vom Maredo am Potsdamer Platz eine gewisse Zurückhaltung bei den Kunden bemerkt. Wer überhaupt noch kommt, so Siebert, "spricht die Bedienung auch gezielt an, um sicher zu gehen, dass das Fleisch auch tatsächlich aus Argentinien kommt". Und vielleicht ist das ja das positive Resultat der Rindfleischkrise: Dass der Kunde immer öfter König sein will und selber bestimmen möchte, was bei ihm im Magen landet.

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