Kinderschutzbund zieht Bilanz : „In Berlin sterben immer noch zu viele Kinder“

Seit fünf Jahren soll ein Gesetz die Schwächsten schützen. Sabine Walther, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes, spricht über die kritische Situation in Berlin.

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Mehr als 200.000 Berliner Kinder gelten als arm.
Mehr als 200.000 Berliner Kinder gelten als arm.Foto: dpa

Seit fünf Jahren hat Berlin ein eigenes Kinderschutzgesetz. Was hat es gebracht?
Viele gute Konzepte, um jenen zu helfen, die sich meist noch nicht selbst helfen können. Aber noch immer mangelt es an finanziellen Mitteln und an Menschen, die alle diese guten Konzepte und tollen Angebote auch gut und toll umsetzen. Und deshalb sterben in Berlin auch immer noch zu viele Kinder.

Das gilt wohl für jede Stadt, oder?
Ja – in dem Sinne, dass jedes durch Misshandlung oder Vernachlässigung getötete Kind eines zu viel ist. Aber nicht jede Stadt Deutschlands hat so viele Probleme. In Berlin braucht es eben auch mehr Mittel, um Kinder wirksam zu schützen. Und das nicht erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Wie meinen Sie das?
Die zuständigen Behörden sind personell und finanziell so schlecht ausgestattet, dass sie eigentlich immer nur das Schlimmste verhindern können. Eine wirksame Prävention kommt immer noch zu kurz. Wir brauchen dringend einen effektiveren Kinderschutz, das heißt: Kinderschutz und Hilfe für Eltern von Anfang an.

Die Gesundheitsämter müssten eigentlich jede Familie aufsuchen, in der ein Kind geboren wurde.
In den ersten sechs Wochen, ja – und leider nur jede Erstgebärende nach Berliner Kinderschutzgesetz, aber selbst das ist in vielen Bezirken nicht zu schaffen.

Können Sie das konkreter sagen?
Leider nicht. Wir haben versucht, entsprechende Zahlen zu bekommen, aber es gibt sie einfach nicht.

Ist so ein Erstbesuch nach der Geburt das Allheilmittel?
Nein, aber es geht ja nicht nur um den Besuch, sondern auch um entsprechende Hilfsangebote, für die übrigens viele gerade junge Eltern sehr dankbar sind. Und es geht um ein frühzeitiges Erkennen möglicher Problem- und Konfliktpotenziale. Dann kann man nämlich präventiv tätig werden.

Zum Beispiel?
Wenn man erfährt, dass schon mehrere Kinder in der Familie leben, dass die Mutter alleinerziehend ist, Drogen- oder psychische Probleme vorliegen – dann kann man das weitere Vorgehen sehr eng mit Ärzten, Kitas, Jugendämtern und so weiter abstimmen.

Wenn man genug Zeit hat.
Ja, das ist die Voraussetzung. Wenn die Mitarbeiter nur von einem Notfall zum anderen hetzen, bleibt für Prävention, für die Abstimmung mit anderen Behörden und die eigene Reflexion der Arbeit natürlich keine Zeit.

Der CDU-Politiker und Jugendstadtrat von Neukölln, Falko Liecke, hat eine Obergrenze von maximal 50 Fällen pro Mitarbeiter in den Jugendämtern gefordert. Wäre das hilfreich?
Natürlich, wobei man genau schauen muss, wie man die jeweiligen Fälle definiert. Aber es würde den immensen Zeitdruck von den Mitarbeitern nehmen und es könnte sich auch niemand mehr dahinter verstecken. Denn nicht nur die Quantität der Arbeit, auch ihre Qualität ist sehr wichtig.

Was tut der Kinderschutzbund selbst?
Wir bieten Fortbildung für Fachkräfte an, unsere Beratungsstelle ist sehr gefragt. In unseren Kinderprojekten unterstützen wir auch finanziell, beispielsweise betreiben wir eine kleine Kita, in der Kinder aus sozial schwachen Familien kein Frühstücksgeld bezahlen müssen.

Gibt es fünf Jahre nach Einführung des Kinderschutzgesetzes auch eine positive Bilanz?
Viele Angebote wie beispielsweise die Hotline Kinderschutz, bei der inzwischen in verschiedenen Sprachen beraten wird, sind sehr gut. Auch durch den Ganztagsbetrieb der Schulen hat sich die Situation vieler Kinder verbessert. Und nicht zuletzt ist die Bevölkerung sehr viel sensibler und aufmerksamer geworden, was den Umgang mit Kindern anbelangt.

Was wünschen Sie sich vom neuen Regierenden Bürgermeister?
Er sollte gemeinsam mit dem neuen Finanzsenator den Kinderschutz endlich zur Chefsache machen. Denn noch immer müssen zu viele Kinder in physischer und psychischer Hinsicht Unglaubliches erleiden, ohne dass sie vernünftige Hilfe bekommen.

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