Große Koalition : Tiefschwarz war gestern

Eine neue große Koalition zwischen SPD und CDU schreckt viele Genossen in Berlin. Ist ihre Sorge vorm Erwachen „der alten CDU“ berechtigt?

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Gesichter einer Partei. Von oben links: Thomas Heilmann, Eberhard Diepgen, Frank Henkel, Ingo Schmitt, Frank Steffel und Monika Grütters.
Gesichter einer Partei. Von oben links: Thomas Heilmann, Eberhard Diepgen, Frank Henkel, Ingo Schmitt, Frank Steffel und Monika...Fotos: Mike Wolff, Kitty Kleist-Heinrich, dpa, promo, Montage: S. Lobers

So schnell kann das gehen in der Politik: Noch vor ein paar Wochen bestritten führende Sozialdemokraten, dass die Berliner CDU ein möglicher Regierungspartner sei. Klaus Wowereit etwa sagte, eine Koalition sei unwahrscheinlich, weil sich die Union „kaum erneuert“ habe. Hinter dem Mann an der Spitze – Frank Henkel – lauerten noch immer die gleichen Gestalten, erklärten SPD-Politiker im Wahlkampf. Und ein wichtiger linker Sozialdemokrat sagte, jenseits aller inhaltlichen Gegensätze bestünden menschliche – vor allem in der CDU: „Es gibt einfach zu viele, die uns hassen“. Das galt wohl auch umgekehrt. Nun will man am Mittwoch mit Koalitionsverhandlungen beginnen.

Die Pflege alter Vorbehalte hatte im Wahlkampf ihren Sinn – mit der Wirklichkeit hat sie nicht so viel zu tun. Schon die neue CDU-Fraktion hat mit der nicht mehr viel gemein, die vor einem Jahrzehnt die Macht verlor. Damals hatte der mächtigste Mann Berlins noch vor dem Regierenden Bürgermeister, CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky, 75 Abgeordnete geführt. Sein Nach-Nach-Nach- Nachfolger Frank Henkel war in der vergangenen Legislaturperiode Vormann für 37 Parlamentarier; seit der Wahl sind es 39. Von diesen 39 sind 16 Abgeordnete neu in der Fraktion. Einige andere haben zwar zwischen 1999 und 2004, also zur Zeit des Bankenskandals und der Polit-Apokalypse der Berliner CDU, schon dem Abgeordnetenhaus angehört. Doch waren sie, wie zum Beispiel der Wissenschaftspolitiker Nico Zimmer, viel zu jung, um politisch haftbar zu sein für Skandal und Machtverlust. Wen also meinten die Genossen, wenn sie hinter Henkels Rücken schon wie in dem Film „Nebel des Grauens“ Gestalten auftauchen sahen, die sie an die grauenhafte Zeit ihrer politischen Gefangenschaft als Juniorpartner der CDU erinnerten?

Frank Steffel kann es nicht sein. Der Bundestagsabgeordnete mag manchen, die sich für Politik interessieren, als Gesicht von 2001 in Erinnerung sein. Das lag daran, dass er sich in einer Mischung aus Parteisoldatentum und Fehleinschätzung der Lage als Spitzenkandidat zur Verfügung stellte – während 2001 große Teile des Publikums die Union in den Orkus wünschten.

Und Ingo Schmitt? Der Politiker, der von Stil und Selbstgewissheit noch am ehesten dem CDU-Ideal der 90er Jahre entsprach und doch bis 2008 ganz oben im Landesverband dabei war, wurde vor drei Jahren von Henkel von der Macht entfernt. Nicht mal in Charlottenburg-Wilmersdorf, Schmitts früherem Königreich, ist viel von ihm zu hören.

Und Eberhard Diepgen wird Klaus Wowereit mit seinem „kaum erneuert“ auch nicht gemeint haben. Der ehemalige Regierende weiß, warum seine Parteifreunde ihn zum „Ehrenvorsitzenden“ wählten: Von Ehrenvorsitzenden wird allgemeines Schweigen zur Lage erwartet (das gilt nicht für Helmut Kohl).

Lesen Sie auf Seite zwei mehr zu den Gründen der üblen Nachrede zu Wahlkampfzeiten.

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