Anklage : Von Trennung der Eltern überfordert

Angeblich hat ein 19-Jähriger im Affekt seine Großeltern erstochen. Zumindest streitet er ab, die Tat geplant zu haben. Nun spricht der bei der Anklage befragte psychiatrische Gutachter von einem emotionalen Problem.

BerlinDie Großmutter beschrieb er als „supernett“, den Stiefopa als Mann, mit dem man „richtig gut reden konnte“. Schwierigkeiten habe es nicht gegeben, sagte Erdal W. im Gespräch mit einem Psychiater. Dennoch hat der Enkel seine Großeltern erstochen. War es ein geplanter Angriff – oder eine Tat im Affekt? Was könnte in dem 19-Jährigen vorgegangen sein? Im Mordprozess wurde gestern ein psychiatrischer Gutacher befragt.

„Er hat wenig Zugang zu seiner eigenen Emotionalität“, sagte der Psychiater. Die Mutter sei die „tragfähige Bezugsperson“, das Verhältnis zum Vater ambivalent gewesen. Erdals deutsche Mutter aber hatte sich nach 21 gemeinsamen Jahren von seinem türkischen Vater getrennt. Das war im Sommer 2007. Monatelang sei die Stimmung in der Familie „hochgradig emotional“ gewesen. Kein Erwachsener habe dem mit der Situation überforderten Erdal W. helfen können.

Am 14. März fuhr er zu den Eltern seiner Mutter nach Rudow. Die Anklage geht davon aus, dass er sich an der Mutter rächen wollte, weil sie ihn und den Vater verlassen hatte. Erdal W. dagegen will die Tat nicht geplant haben. Er habe mit den Großeltern reden wollen – in der Hoffnung, sie könnten seine Mutter zur Rückkehr bewegen. Als es zum Streit kam, habe er ein Messer vom Küchentisch genommen und zugestochen.

Die Anklage aber lautet auf Doppelmord: Erdal W. sei schon mit einem Messer zu den Großeltern gefahren. Er habe zudem eine Skimaske und Handschuhe getragen. Der Angeklagte brachte Erklärungen, die widersprüchlich klangen. Die Maske sei seine Mütze gewesen, die er „wegen der Kälte“ getragen habe. Die Sehschlitze will er erst nach den Stichen hineingeschnitten haben, um unerkannt fliehen zu können. Das Messer habe er auf der Flucht weggeworfen und wisse nicht mehr, wo.

Im Prozess steht auch die Frage im Raum, ob jemand aus der Familie den damals 18-Jährigen beeinflusst, ihn gar zu einem Angriff auf die Eltern seiner Mutter angestiftet haben könnte. Der Gutachter schloss das eher aus. Erdal W., ein junger Mann mit Reife- und Entwicklungsdefiziten, habe im Gespräch auch nicht manipuliert gewirkt. Sollte die Version des Angeklagten zutreffen und er sich im Streit mit den Großeltern gekränkt gefühlt haben, dann könnte er in einem „Aggressionssturm“ zugestochen haben. Für diesen Fall sei eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausgeschlossen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. K. G.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben