Drama am Bahnhof Zoo : Todesschüsse: Routine wurde zur Lebensgefahr

Bei der Festnahme des kriminellen Kroaten gingen die beiden Polizisten offenbar zu unvorsichtig vor. Zum Verhängnis wurde ihnen offenbar, dass sie nur eine Hand des Mannes fesselten.

Tanja Buntrock

Die Todesschüsse auf einen Kriminellen waren nach ersten Erkenntnissen korrekt – doch haben die beiden Polizisten zuvor bei der Festnahme falsch gehandelt? Zwei Tage nach dem dramatischen Vorfall nahe dem Bahnhof Zoo wird diese Frage in Polizeikreisen diskutiert, vereinzelt ist sogar von einer „Panne“ die Rede. Im Präsidium wollte man sich dazu nicht äußern. Der detaillierte Ablauf sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen, hieß es.

„Die beiden Polizisten haben bei der Festnahme des Mannes zu lax gehandelt“, kritisierte ein hochrangiger Beamter gestern gegenüber dem Tagesspiegel. „Wahrscheinlich wäre es gar nicht erst zur Eskalation gekommen, wenn die Kollegen den Mann richtig festgenommen und durchsucht hätten.“ Zum Verhängnis wurde ihnen offenbar, dass sie nur eine Hand des Mannes fesselten.

Wie berichtet, war es am Donnerstagnachmittag vor dem Erotik-Museum an der Joachimstaler Straße Ecke Kantstraße zu einer Schießerei gekommen: Dabei tötete einer der beiden Polizisten den mit zwei Haftbefehlen gesuchten Kroaten Christian H. (33) – nach Aussage der Staatsanwaltschaft und des Polizeipräsidenten Dieter Glietsch aus einer Nothilfesituation heraus, um seinen Kollegen zu retten.

Der Ablauf des Geschehens stellt sich bisher so da: Die beiden uniformierten Streifenbeamten Andreas S. und Andreas G. kontrollierten routinemäßig den Kroaten in einem Spielcasino an der Ecke Kantstraße. Der Mann hatte zwei Pässe, einen niederländischen und einen kroatischen, bei sich. Einer der beiden Beamten ging hinaus zum Funkwagen, um die Personalien abzufragen. Der andere blieb bei dem Mann. „Dies ist so üblich und wird auch etwa bei Verkehrskontrollen nicht anders gehandhabt“, sagte ein Ermittler. Doch spätestens als der Beamte über Funk erfuhr, dass zwei Haftbefehle vorliegen (Betrug und Diebstahl mit Waffe), „hätte er beim Zurückkommen darauf bestehen müssen, dass der Mann an beiden Händen gefesselt wird“, sagte der Ermittler. Denn hier sei per se die Gefahr gegeben, dass ein mit zwei Haftbefehlen Gesuchter möglicherweise flüchten will. Auch hätten die Beamten ihn bereits an Ort und Stelle durchsuchen müssen. „Das schreiben die Eigensicherungsleitlinien vor“, hieß es. Dann wäre den Beamten auch das Reizgas aufgefallen, das der Kroate bei sich trug.

Doch weil Christian H. sich offenbar zunächst kooperativ verhielt und keine Anstalten zum  Widerstand zeigte, sahen die Beamten wohl keine Gefahr. Sie steckten nur eine Hand in die Fessel, den anderen Teil der sogenannten Acht hielt der ältere Beamte in der Hand und ging mit ihm aus dem Casino hinaus auf die Straße. „Ob vollständig gefesselt wird oder nicht, können die Beamten je nach Situation entscheiden. Aber hier haben sie diese falsch eingeschätzt“, kommentierte ein Ermittler.

Denn draußen eskalierte plötzlich die Lage: Der Kroate schlug um sich, zückte eine Reizgasflasche und sprühte dem Polizisten ins Gesicht. Der ging zu Boden. Dem Festgenommen gelang es, die Dienstwaffe aus dem Holster des Beamten zu ziehen und sie ihm an den Kopf zu halten. Als der Polizist wegrobbte, wieder aufstand und ein paar Schritte flüchtete, feuerte der Kroate auf ihn, verfehlte den Beamten jedoch. In diesem Moment schoss der jüngere Polizist zweimal auf den Täter – eine in so einer Situation vorgeschriebene „Dublette“ – um seinem Kollegen das Leben zu retten.

„Die Routine ist der größte Feind der Polizeibeamten“, sagte ein anderer Ermittler. „Hunderte von Überprüfungen verlaufen unspektakulär, und die eine, bei der man mit keiner Gefahr rechnet, wird dann plötzlich lebensgefährlich.“

Dass Christian H. als Waffenhändler tätig war und beim Mord an dem Unternehmer Friedhelm Sodenkamp im vorigen Jahr die Tatwaffe besorgt haben soll, wussten die Beamten nicht. Warum der Kroate, von dem der Mordkommission offenbar schon bekannt war, dass er eine Rolle bei dem Auftragsmord spielte, überhaupt noch in Berlin frei herumlief, ist unklar. Derzeit gibt es keine weiteres Informationen zu dem getöteten Kriminellen.

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