Drogenhandel : Dealer werben gezielt Kinder an

Minderjährige Drogenhändler sind kein Einzelfall – in Kreuzberg stehen sie am Kottbusser Tor und im Görlitzer Park.

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Beschlagnahmt. Regelmäßig finden Fahnder im Görlitzer Park Drogen. -Foto: Q

Drei Polizisten in Zivil tauchen aus der Unterführung am Kottbusser Tor auf. Eben noch lehnte hier eine Gruppe Männer am Geländer. Kurz bevor die Beamten kamen, haben sie sich eilig in Richtung Reichenberger Straße entfernt. Die Beamten werden trotzdem bald fündig. Mit blauen Plastikhandschuhen durchsucht einer die Jacke eines mageren Mannes, der auf den Eingangsstufen zu einem Laden kauert. Drogenalltag am Kotti.

Gleich um die Ecke, in einem Hof des Kreuzberger Zentrums, reihen auf einem tristen Spielplatz zwei Jungen säuberlich Kugeln auf einer Holzplanke auf. Die kleinen Bällchen sind aus Sand. Ein anderer Junge, ein Heimkind, ist am Dienstag mit ganz anderen Kugeln unweit von hier von der Polizei aufgegriffen worden. Heroin hatte der Junge dabei, handelsüblich zu 150 Bällchen gerollt, und 200 Euro. Er sei zwölf, gab er an. Das überprüft nun die Polizei, denn häufig sind die jungen Dealer instruiert, sich als jünger als 14 auszugeben, also als nicht strafmündig.

Kinder als Dealer? Unter „Heimkindern“ seien harte Drogen nicht verbreitet, sagt Cord Röttjer, Regionalleiter Stationäre Hilfe des Vereins Jugendwohnen im Kiez. Zu engmaschig sei die pädagogische Kontrolle. Insgesamt sei dies trotzdem kein Einzelfall, meint Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu. 28 Kinder fielen der Polizei 2008 wegen Drogendelikten auf. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher. Seit vier Jahren arbeitet Yasaroglu als Sozialarbeiter am Kotti und ist Sprecher der Bürgerinitiative Kottbusser Tor. Allein seit April habe er mit 18 Minderjährigen Kontakt gehabt, die harte Drogen konsumieren und teilweise auch selbst verkaufen. „Die Dealer schieben die Jugendlichen vor, weil sie strafunmündig sind“, sagt er. Manchmal sind es Familienmitglieder, die Kinder und Jugendliche als Kuriere missbrauchen. Eine Masche sei es auch, den Jugendlichen Handys zu verkaufen und sie die Schulden dann als Dealer abarbeiten zu lassen. Die Kriminellen seien für viele Jungs Vorbilder. „Die sind kindlich und naiv, die finden diese Muskeltypen interessant“, sagt Yasaroglu. Selten kann die Polizei die Hintermänner ermitteln. Den Kindern wird eingebläut, ihre Auftraggeber nicht zu verraten.

Eine Hochbahnstation weiter, an der Tankstelle Ecke Skalitzer/Görlitzer Straße, kaufen fünf Teenager im Gangsterlook Getränke. Sechzehn sei er, sagt einer. „Nein, der ist erst dreizehn“, lachen die beiden Mädchen. Ob ihnen hier im Park Drogen angeboten werden? „Der dealt doch selbst“, sagt ein Mädchen und zeigt auf den Altersschwindler. Aufschneiderei? Angeboten zumindest werden Drogen, vor allem Gras, im Görlitzer Park fast jedem, sagen Anwohner, die gemütlich auf den himmelblauen Stühlen eines Cafés in der Görlitzer Straße in der Sonne sitzen. Auch Schüler würden nach Unterrichtsschluss hier abgefangen. Sie mögen ihren Park trotzdem. „Früher, als Studentin, hat mich das auch nicht gestört“, sagt eine junge Frau, deren kleine Tochter im Sandkasten des Kinderbauernhofs im Görlitzer Park gerade begeistert ihre kurzen Beine ausprobiert. „Vor einem Jahr sind wir wieder hergezogen. Aber wenn man Kinder hat, sieht man das anders.“ Jetzt ist sie wieder auf Wohnungssuche. as/tabu/dpa

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