Gutachten : Fäkalien gespritzt: Das kranke Kind als Bühne für die Mutter

Der Staatsanwalt wirft Heike S. aus Reinickendorf vor, ihrem damals 19 Monate alten Sohn in einem Krankenhaus mindestens 14 Mal Fäkalien ins Blut gespritzt zu haben. Ein Gutachter hält die angeklagte Baby-Quälerin für krank.

Kerstin Gehrke

Wenn sich Heike S. aufopferungsvoll um ihren kranken Sohn kümmern konnte, hatte sie ihre Bühne. Sie wollte Aufmerksamkeit und Zuwendung für sich selbst. Wie es um den kleinen Carlos stand, dem sie Fäkalien gespritzt hatte, realisierte sie nach Einschätzung eines Gutachters nur begrenzt. Die Mutter leide an einer Persönlichkeitsstörung und sei bei den Taten vermindert schuldfähig gewesen, schätzte der Nervenarzt am Montag im Prozess wegen versuchten Mordes ein. Für heute werden die Plädoyers und möglicherweise auch das Urteil erwartet.

Heike S. hatte vor einer Woche überraschend ein Geständnis abgelegt. Nach fast dreimonatigem Prozess ließ die 30-Jährige über eine Verteidigerin erklären: „Ich habe meinem Sohn sehr geschadet.“ Zweimal habe sie im Herbst 2007 eigenen Kot mit Wasser vermischt und injiziert. Warum sie es tat, könne sie aber nicht erklären. Der Gutachter bestätigte nun die Annahme der Staatsanwaltschaft, wonach Heike S. an dem „Münchhausen-by-proxy-Syndrom“, dem sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, leide. Diese psychische Erkrankung führt dazu, dass Eltern – zumeist Mütter – ihre Kinder krank machen, um ihnen dann helfen zu können und dadurch Anerkennung zu bekommen oder eine seelische Krise abzuwenden. Heike S. habe ihren Jungen „wie ein Ding“ benutzt, sagte der Sachverständige. Sie habe ihn aber nicht umbringen wollen. „Sein Tod würde ihr die Bühne nehmen.“ Bezogen auf eigene Kinder oder auf solche, zu denen sie eine engere Bindung aufbauen könnte, bleibe die Mutter gefährlich. Eine lange Therapie sei erforderlich. Der Ausgang sei jedoch ungewiss.

Der Staatsanwalt wirft der Frau aus Reinickendorf vor, ihrem damals 19 Monate alten Sohn in einem Krankenhaus mindestens 14 Mal Fäkalien ins Blut gespritzt zu haben. Mehrfach musste der Junge wegen lebensbedrohlicher Vergiftungen behandelt werden. Als er im November 2007 erneut auf die Intensivstation verlegt werden sollte, wurden bei der Mutter verschmutzte Einwegspritzen gefunden. Seit mehr als einem Jahr darf Heike S. ihren Sohn nicht mehr sehen. Das sei für sie die schlimmste Strafe, hieß es in ihrem Geständnis.

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