Kinderdealer : Sieben weitere Täter könnten älter sein

Ein nach eigenen Angaben 13-jähriger und damit strafunmündige Dealer, der wochenlang Polizei, Jugendamt und Kinderheime narrte, ist tatsächlich mindestens 21 Jahre alt. Womöglich kein Einzelfall – Ermittler warten seit Juli auf ärztliche Gutachten.

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Berlin - Für die zweimonatige Verzögerung bei der Altersbestimmung des vermeintlich 13-jährigen Drogendealers Hassan El-F. ist nicht die Charité verantwortlich. Die Universitätsklinik widersprach am Sonnabend entsprechenden Angaben der Justiz. Die Charité habe „kurzfristig“ noch im Juli der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass der einzige Experte mit entsprechender Zulassung im Frühjahr gekündigt habe und deshalb keine Altersbestimmungen möglich seien, sagte Kliniksprecherin Stefanie Winde am Sonnabend.

Wie berichtet, hatte die Justiz am Freitag mitgeteilt, dass der nach eigenen Angaben 13-jährige und damit strafunmündige Dealer, der im Sommer wochenlang Polizei, Jugendamt und Kinderheime narrte, tatsächlich mindestens 21 Jahre alt ist. Zu diesem Ergebnis kam jetzt ein rechtsmedizinisches Gutachten des Brandenburger Experten Bernd Kopetz. Hassan El-F. wurde daraufhin in dem Brandenburger Kinderheim festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Ihm wird „gewerbsmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln“ vorgeworfen – er soll hohe Summen damit verdient haben.

Der Polizei war El-F. erstmals am 8. Juni 2009 aufgefallen. Im März dieses Jahres regte das Landeskriminalamt eine Altersbestimmung an, weil der Mann, der sich als Kind ausgab, offensichtlich wesentlich älter ist. Bis Juli war der Dealer dann zehn Mal beim Heroinhandel der Polizei aufgefallen. 20 Mal war er aus Heimen, in die er gebracht worden war, ausgerissen.

Doch erst Ende Juli, als der Fall El-F. und der eines angeblich Elfjährigen Schlagzeilen machte, erließ das Amtsgericht Tiergarten auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Beschluss für eine medizinische Altersbestimmung. Warum damit die Charité beauftragt wurde, obwohl es dort seit März keinen Experten mehr gab, konnte die Justiz gestern nicht klären. So verstrichen sechs Wochen, bis mit Beschluss vom 17. September der Rechtsmediziner Kopetz beauftragt wurde. Das nach Justiz-Angaben „krasse“ Ergebnis lag dann bereits am 30. September vor.

„Es gab Schwierigkeiten“, räumte die Staatsanwaltschaft gestern ein, denn Experten für derartige Gutachten seien „extrem knapp“. Diese Aussagen dürften bei den Drogenfahndern des LKA auf Bedauern stoßen. Denn dort wurde im Juli bereits eine Liste mit acht Namen angeblich strafunmündiger Dealer erstellt und der Justiz übergeben. Nur bei Hassan El-F. soll bislang ein Ergebnis vorliegen. Ende September wurde Experte Kopetz mit der Begutachtung eines weiteren angeblich Elfjährigen von dieser Liste beauftragt. Hier soll es eine Panne gegeben haben, weil der Vormund des „Kindes“ nicht korrekt geladen worden war. Wie der Stand bei den anderen Namen auf dieser Liste ist, ließ sich am Sonnabend nicht klären.

Offen ist zudem, wann die Charité die offene Stelle wieder besetzen wird. In den vergangenen Jahren hatte die renommierte „Arbeitsgruppe zur Altersdiagnostik“ etwa 50 Gutachten pro Jahr erstellt.

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