Kriminalität : Achtjähriger Räuber war selten in der Schule

Der "jüngste Räuber der Stadt" weigerte sich häufig zur Schule zu gehen - sein Rektor zeigte die Fehlzeiten bereits im Dezember 2008 an. Doch Jugendamtsmitarbeiter handelten offenbar viel zu spät bei der bosnischen Familie.

Tanja Buntrock

Im Fall des achtjährigen Luigi (Name geändert) – der als „jüngster Räuber der Stadt“ gilt – wird immer deutlicher, dass das zuständige Jugendamt zu spät und offenbar unangemessen gehandelt hat. So sagte der Schulleiter des Jungen, Stephan Michalke, dem Tagesspiegel, dass er bereits im Dezember vorigen Jahres eine Schulversäumnisanzeige beim  Schul- und Jugendamt erstattet habe, weil Luigi höchstens die Hälfte der Zeit im Unterricht anwesend war.

Offenbar ist Luigis Mutter, die im fünften Monat schwanger ist, nicht nur mit der Erziehung ihrer sieben Kinder überfordert, sondern auch mit der Aufgabe, Luigi regelmäßig in die Schule zu schicken. So soll es regelmäßig Kämpfe zwischen Swetlana J. (27) und ihrem Sohn gegeben haben, wenn der Schulbus vor der Haustür in Wedding stand. Der Junge habe sich partout geweigert, in den Bus zu steigen. Bereits vor der Anzeige beim Jugendamt habe der Rektor persönliche Gespräche mit der Mutter geführt. Auch eine Familienhelferin des Jugendamtes sei anwesend gewesen. Doch bis jetzt hätten sich die Fehlzeiten des Jungen „nicht im erhofften Maße geändert“, sagt Michalke.

Luigi besucht seit September 2008 die Zweigstelle der Arno-Fuchs-Sonderschule in Mitte mit Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“. Zuvor war der Achtjährige an einer Weddinger Grundschule, wo er jedoch schon als „Integrationsschüler“ – als Kind mit besonderem Förderschwerpunkt – bekannt war.

Wie berichtet, war der Fall des Jungen am vorigen Sonnabend bekannt geworden, weil der zu diesem Zeitpunkt Siebenjährige in Wedding eine 17-jährige Joggerin geschlagen und getreten haben soll, um ihr das Handy zu rauben.

Warum die Mitarbeiter des Jugendamts, die sich offensichtlich schon seit längerem um die Familie kümmern, die verheerenden Verhältnisse bislang nicht ändern konnten, dazu gab es vom zuständigen Stadtrat Rainer-Maria Fritsch (Linke) gestern keine Stellungnahme. Er wies darauf hin, dass er sich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zu dem Einzelfall äußern dürfe. Fritsch teilte zudem schriftlich mit: „Sie können sicher sein, dass das Jugendamt mit der Mutter im Rahmen eines gesetzlich vorgeschriebenen Hilfeplanverfahrens die notwendigen und geeigneten Hilfen (...) vereinbaren wird.“ Nach dem Vorfall hatte Fritsch dem Tagesspiegel die seiner Ansicht nach schwierige Situation der Familie aus Bosnien erläutert. Die Mutter habe einen „ganz anderen kulturellen Hintergrund“ und sei erstaunt, was die deutsche Familienhilfe von ihr erwarte. Man müsse ihr einen „Entwicklungszeitraum“ lassen, um sich an die deutschen Erwartungen zu gewöhnen.

Dafür hat Neuköllns Volksbildungs- und ehemaliger Jugendstadtrat, Wolfgang Schimmang (SPD), kein Verständnis. „Das geht nur, solange jemand nicht gegen das Grundgesetz und die Berliner Verfassung verstößt“, sagte Schimmang. Zudem könne er anhand des geschilderten Falls „den Langmut der Ämter nicht nachvollziehen“. Schimmang wies darauf hin, dass allein „das körperliche Erscheinungsbild des Jungen Fragen aufwirft“, denen die zuständigen Ämter hätten nachgehen müssen. Denn Luigi soll mit 135 Zentimetern Körpergröße bereits geschätzte 60 Kilogramm wiegen. „Allein das ist doch nicht in Ordnung und hätte schon auffallen müssen“, sagt Schimmang. Er betonte, dass in seinem Bezirk Neukölln in solchen Fällen das Prinzip gelte: „Klare Ansagen an die Betroffenen und konsequentes Handeln“. Wenn das nicht funktioniere, müsse ein richterlicher Beschluss eingeholt werden.

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