Kriminalität : Baby fast zu Tode gequält

Die Ärzte kämpfen um das Leben eines drei Monate alten Babys. Ein frischer Schädelbruch und weitere Frakturen. Seitdem befindet sich der Vater, Sebastien P., in Haft - er kann sich vor Gericht nicht an die Tat erinnern.

Kerstin Gehrke

Das Köpfchen des Jungen war hochrot und beängstigend heiß. „Das kommt von den Zähnen“, wiegelte der Vater des damals drei Monate alten Babys ab. Eine Fahrt ins Krankenhaus sei nicht notwendig, meinte er. „Die geben ihm auch nur ein Fieberzäpfchen.“ Mutter und Großmutter des Kleinen bestanden darauf. Wenig später kämpften Ärzte um das Leben des Jungen. Ein frischer Schädelbruch und weitere Frakturen. Seitdem befindet sich Sebastien P., der Vater, in Haft. „Ich weiß aber nicht, wie das mit David passiert sein soll“, beteuerte P. gestern im Prozess um Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Landgericht. Er könne sich an keinen „Vorfall“ erinnern, meinte der Angeklagte. „Aber ich bin es wohl gewesen. Es war sonst keiner da, der etwas gemacht haben könnte.“ Möglicherweise habe er den Kleinen während eines „Blackouts“ geschlagen. Er sei in der Vergangenheit mehrfach aggressiv geworden, erklärte der aus Frankreich stammende Mann. „Bei der Fremdenlegion erlebte ich Kampfeinsätze, die unauslöschbar in mir sind.“

In der Nacht zum 19. Oktober hatte er David, dessen Zwillingsbruder sowie eine neunjährige Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin betreut. „Wenn einer ruhig war, schrie der andere“, sagte der Vater über die Nacht in dem Mehrfamilienhaus in Reinickendorf. Er hätte sich jederzeit Hilfe holen können. Die Mutter der Kinder wohnte eine Etage höher, die Oma wie er im Erdgeschoss. Der Angeklagte und die Mutter der Zwillinge kennen sich seit neun Jahren. Sie haben drei gemeinsame Kinder, leben aber getrennt. „Wir hatten oft Streit, aber er war ein guter Vater“, sagte die 34-jährige Frau. Als es David an jenem Sonntag immer schlechter ging, habe sie nicht geahnt, dass Gewalt im Spiel war. Angeblich war am Kopf die Schwellung, die die Ärzte sofort sahen, noch nicht erkennbar.

Im Krankenhaus wurden mindestens ein weiterer, älterer Schädelbruch und ältere Rippenverletzungen festgestellt. Verletzungen, die möglicherweise auch auf das Konto des Vaters gehen. Einige Wochen vor der angeklagten Tat hatte sie einen blauen Fleck am Kopf von David entdeckt. Auch das war nach einer Nacht, in der P. die Zwillinge allein betreut hatte. Als Zeugin aber bagatellisierte sie die Verletzung: „Das war eine ganz normale Beule. Zum Arzt sind wird deshalb nicht gegangen.“

Nach der Anzeige der Ärzte wurden die Eltern festgenommen. Bald erhärtete sich der Verdacht gegen den Vater. Die Mutter kam einen Tag später wieder frei. Alle fünf Kinder leben inzwischen wieder bei ihr. „Sie machen sich super“, sagte sie. „Auch David hat sich positiv entwickelt.“ Den Kontakt zu P. hat sie abgebrochen. Auch die Kinder darf er nicht mehr sehen. Ein Schritt, den er auch in Zukunft respektieren werde, sagte der Angeklagte. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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