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Menschenhändler-Ring : Berliner sollen Kinder aus Haiti missbraucht haben

Ein mutmaßlicher Menschenhändler-Ring soll Kinder aus der Karibik und Lateinamerika nach Berlin gelockt und an Berliner Pädophile vermittelt haben. Gegen drei mutmaßliche Täter gibt es Haftbefehle.

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Funktionäre eines Berliner Entwicklungshilfsvereins stehen in Verdacht, in einem von ihnen betriebenen Kinderheim auf Haiti mehrere Jungen sexuell missbraucht zu haben. Außerdem sollen laut Polizei und Staatsanwaltschaft zwei von ihnen Kinder aus der Karibik nach Deutschland gelockt und dort an Pädophile weitervermittelt haben. Die Behörden in Bayern und Berlin ermitteln wegen des Verdachts des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung von Kindern beziehungsweise wegen sexuellen Missbrauchs.

Nach Tagesspiegel-Recherchen handelt es sich um den Berliner Verein „Promote Africa“. Trotz mehrfacher Anfrage war eine Stellungnahme von dort zunächst nicht zu erhalten.

Laut Polizei wurden inzwischen drei in Berlin lebende Männer verhaftet. Zwei von ihnen waren, wie erst am Freitag bekannt wurde, bereits am 12. Februar dieses Jahres am Münchner Flughafen festgenommen worden, als sie einen elfjährigen Jungen von Haiti über die Dominikanische Republik mit gefälschten Papieren nach Deutschland einschleusen wollten.

Dazu hatte sich einer der beiden Männer, ein 26-jähriger Brasilianer, in der Dominikanischen Republik als Vater des Jungen ausgegeben und sich amtliche Dokumente erschlichen. Die Ermittler am Münchner Flughafen bemerkten, dass der elfjährige Junge offenbar bereits in Haiti beziehungsweise der Dominikanischen Republik sexuell missbraucht worden war.

Außerdem fanden sie bei dem anderen Mann, einem 57-Jährigen, Datenträger mit kinderpornografischen Bildern. Der Berliner war zudem mehrfach zu Haftstrafen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden. Gegen ihn und den Brasilianer wurde am 13. Februar Haftbefehl wegen des Verdachts auf Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung von Kindern erlassen.

Zwei Tage später durchsuchten die ermittelnden Kriminalisten aus Erding gemeinsam mit der Berliner Polizei die Wohnungen der beiden Inhaftierten. Dabei stellten sie bei dem 57-Jährigen unter anderem viele Nacktfotos von Kindern, teilweise auch gemeinsam mit dem Beschuldigten und anderen Erwachsenen, sicher. Weitere Datenträger wurden beschlagnahmt und ausgewertet. Schnell wurde deutlich, dass der 57-Jährige für einen Verein tätig ist, der auch Straßenkinderprojekte und ein Kinderheim in Haiti betreibt. Laut Polizei reiste der Mann immer wieder dorthin und missbrauchte mehrere Jungen, darunter auch den jetzt eingeschleusten Elfjährigen.

Der 26-jährige Brasilianer war offenbar nur an der Schleusung beteiligt, für die er 5000 Euro erhalten sollte. Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass auch er Kinder sexuell missbraucht habe, hieß es bei der Polizei. Allerdings führten die Ermittlungen zu einem weiteren Berliner, der aus Schweden stammt. Der 67-Jährige wird beschuldigt, im Jahr 2010 ebenfalls mehrere Jungen im Kinderheim in Haiti sexuell missbraucht zu haben. Er wurde am Mittwoch dieser Woche verhaftet. Offenbar war er
Lehrer an einer Berliner Waldorfschule - er soll dort zu seiner Verhaftung als Englischlehrer gearbeitet haben.

Man ermittle gegen ihn wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs in mindestens 20 Fällen, bestätigte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Der Mann soll in den Jahren 2002 und 2003 auch mehrere zwölfjährige Jungen in Berlin missbraucht haben. Inwieweit er auch mit Menschenhandel zu tun habe, müssten die Ermittlungen ergeben, sagte Steltner. Inzwischen sei auch seine Wohnung durchsucht worden, man habe Handys und Datenträger beschlagnahmt.

Der Sprecher der Kindernothilfe, Sascha Decker, sagte dem Tagesspiegel, er sei entsetzt und schockiert, vor allem weil hier unter dem Vorwand zu helfen Kinder verletzt würden: „Wenn ein Elfjähriger nach Deutschland geschleust werden sollte, um hier sexuell missbraucht zu werden, wäre das meines Wissens der erste bekannt gewordene Fall.“ Die Kindernothilfe habe immer davor gewarnt, dass extreme Armut zu extremer Ausbeutung von Kindern führe.

Der Leiter des Berliner Jugendnotdienstes, Andreas Neumann-Witt sagte, die Situation in Haiti, wo viele Kinder ohne Eltern seien, mache es Kriminellen offenbar leicht. Tatsächlich hatte es bereits unmittelbar nach dem Erdbeben in Haiti nicht an Warnungen gefehlt, dass skrupellose Menschen die Situation der Kinder ausnutzen könnten – auch unter dem Deckmantel der Hilfe.

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