Messerattacke : Tod in Wittenau: Freunde des Opfers schwören Rache

Nach der tödlichen Messerattacke auf den 17-jährigen Cavit H. in Wittenau ist der Tatverdächtige in ein geschlossenes Heim gebracht worden. Im Internet drohen Freunde und Bekannte des Opfers mit Rache.

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Trauer am U-Bahnhof Wittenau.
Trauer am U-Bahnhof Wittenau.Foto: dpa

Nach der tödlichen Messerattacke auf den 17-jährigen Cavit H. in Wittenau ist der 15 Jahre alte Tatverdächtige Maik R. (Name geändert) in ein geschlossenes Heim ins brandenburgische Frostenwalde gebracht worden. Gegen ihn wird wegen Totschlags ermittelt. „Bei Jugendlichen unter 16 Jahren sind die gesetzlichen Voraussetzungen, Untersuchungshaft zu verhängen, sehr streng“, sagte Justizsprecher Martin Steltner. Die am Tatort gefundenen zwei Messer und eine Gaspistole werden derzeit auf Fingerabdrücke und DNS untersucht.

Der 17-Jährige war am Samstag bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei Jugendgruppen am U-Bahnhof Wittenau mit einem Messer attackiert und tödlich verletzt worden. Der CDU-Abgeordneten Robbin Juhnke sprach am Dienstag von einem „traurigen Höhepunkt der Jugendgruppengewalt“.

Im Internet drohen Freunde und Bekannte des Opfers mit Gewalt. „Ich verspreche dir, es wird Rache geben“, steht auf einer Webseite. „Ich habe Sorge, dass es zu weiteren Angriffen kommen könnte“, sagte Jugendstadtrat Peter Senftleben (SPD). „Prügeleien gab es schon immer, aber die Qualität der Gewalt hat zugenommen.“ Immer häufiger kämen gefährliche Waffen zum Einsatz. Das größte Problem sei, Jugendliche zu erreichen, die abzudriften drohen. Die städtischen Jugendzentren würden bei vielen als uncool gelten, weil dort Alkoholverbot herrscht und sie nicht die ganze Nacht geöffnet sind. Senftleben betonte, dass es sich bei den an der Schlägerei beteiligten Jugendlichen nicht um Mitglieder von Gangs gehandelt habe, sondern um eine zusammengewürfelte Gruppe.

Das bestätigt auch Elvira Berndt, Geschäftsführerin des Vereins für Straßensozialarbeit Gangway. Wirkliche Gangs seien dem Verein im Bezirk nicht bekannt. Drei bis fünf Kollegen seien seit Samstag ständig als Ansprechpartner für die Jugendlichen unterwegs. Eine Gang würde sich durch Strukturen und eine gewisse Hierarchie in der Gruppe auszeichnen, so Berndt. Bis Ende der 90er Jahre hatten manche der großen Berliner Jugendgangs mehr als 200 Mitglieder. Momentan gebe es aber nur recht lose Verbindungen in der Stadt. Zu einer Kerngruppe von fünf bis 15 Jugendlichen gehörten häufig weitere befreundete Jugendliche. „Die können in Stress-Situationen über Handy und Internet schnell dazugeholt werden.“

In Tegel Süd und dem Märkischen Viertel haben Sozialarbeiter bislang lose Gruppen von Jugendlichen wahrgenommen. Bisher deute für sie „auch nichts darauf hin, dass es einen länger schwelenden Konflikt“ gegeben haben könnte. Wie häufig in Berlin seien auch in Tegel Süd und im Märkischen Viertel Bushaltestellen und S-Bahnhöfe beliebte Treffpunkte der Jugendlichen. Es deute alles darauf hin, dass sich in Wittenau eine Rangelei aufheizte. „Dass es so eskalierte, ist eine außerordentliche Tragödie“, sagte Berndt.

Die Sozialarbeiter von Gangway waren schon vor Samstag häufig im Viertel präsent und knüpfen nun an die bestehenden Kontakten an. Sie treffen die Jugendlichen an den Schulen oder am Tatort, dem Bahnhof, an dem viele Jugendliche immer wieder vorbeikommen.

„Am Samstag waren die Jugendlichen wie paralysiert“, sagte Berndt. Zwar herrsche noch immer ein „gewisser Schockzustand“, aber „jetzt fangen sie an, aufzumachen und zu reden“. Dabei gehe es nun darum, aufzufangen, was individuell anliege: Wenn zum Beispiel „Rache geschworen“ werde, müssten die Gangway-Mitarbeiter dem aktiv entgegenwirken. Wenn die Jugendlichen Angst hätten und mit der Situation nicht zurecht kämen, müsse man ihnen psychologische Unterstützung anbieten. Und wenn Gerüchte weitergetragen würden, müsse Klarheit geschaffen werden, um weitere Eskalationen zu verhindern – Gerüchte etwa, wer dabei war und wer vielleicht auch ein Messer dabei hatte. „Jetzt geht es darum, größtmögliche Transparenz zu schaffen.“ Sie appelliere an Lehrer und Eltern, als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen.

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