Mordversuch : "Er ist ein Opfertyp"

Vier junge Männer haben einen Freund gefoltert. Der 19-Jährige wurde geschlagen, mit einem Schal stranguliert, gegen den Kehlkopf getreten, durch Messerstiche in den Hals verletzt. Die Täter hatte er bis dahin für Freunde gehalten. Seit gestern sitzen sie wegen Mordversuchs vor Gericht. Sie stehen wegen versuchten Mordes vor Gericht

Kerstin Gehrke

An die grausamsten Momente kann er sich nicht erinnern. „Ich weiß nur noch, dass wir in ein Taxi wollten“, sagt Tony K. vor dem Landgericht. Von der Nacht, die er mit sehr viel Glück überlebte, berichteten ihm später Polizisten.

Kevin I. streicht sich über den kahlen Schädel. Er, der mit 18 Jahren jüngste Angeklagte, sagt als Erster aus. Er rattert den Ablauf der Nacht zum 5. Dezember letzten Jahres ohne Atempause runter. Vom Alkoholkauf und Zechgelage geht er nahtlos zum brutalen Übergriff über. „Er ist ein Opfertyp“, sagt Kevin über seinen Freund Tony. Bei der Polizei hatte er als Motiv angegeben: „Wir wollten 20 Euro und aus Rache und dass er leidet.“ Tony hatte ihn wohl nach einem gemeinsamen Raubüberfall verpfiffen.

Tony K., ein schmaler Junge mit einer sehr starken Brille, hatte sich am Abend mit Nico G. (19) und Kevin I. getroffen. Sie tranken und besuchten schließlich die Brüder Hartmut S. (20) und Marcel S. (22) in Lichtenberg. Von dort aus sollte es in die Marzahner Wohnung von Tony gehen. Auf dem Weg dorthin fing die Folter an. „Er fiel hin, ich zog ihn hoch, schubste ihn wieder“, sagt Kevin. „Massive Tritte hat er auch gekriegt.“ Die Angeklagten haben bereits Erfahrung mit Polizei und Justiz. Die Brüder saßen zeitgleich mit dem Opfer im Gefängnis. Wieder draußen, soll Nico G. nach einem Raub gesagt haben: „Er muss weg, er weiß doch alles, und ich habe keinen Bock in den Knast zu gehen.“ Sie befürchteten, dass er zur Polizei gehen könnte. Zur Verdeckung der Misshandlungen wollten sie ihn umbringen. Davon geht die Anklage aus.

In der Wohnung nahm Nico G. dann einen Ledergürtel, formte eine Schlinge daraus und legte sie K. um den Hals. Marcel S. ging das wohl alles zu langsam. „Ich zog dann. Da ist der Gürtel zerrissen“, gesteht er. Er nahm einen Schal und zog auch diesen zu. Der Kopf des Opfers lief rot an. Tony K. bekam kaum noch Luft. Da schaltete sich Kevin I. ein: „Ihr kriegt das nicht auf die Reihe.“ Erst nach „massiven Anstrengungen“ habe er losgelassen, gesteht er. „Dann hat er noch meinen Hacken auf den Kehlkopf gekriegt.“ Schließlich ging Marcel S. in die Küche und holte ein Messer. „Ich stach zweimal zu.“

Hat es Spaß gemacht, das Opfer zu quälen? „Nicht wirklich“, sagt der jüngste Angeklagte. Warum noch die Messerstiche? „Weil ich stärker wirken wollte als die anderen“, gibt Marcel S. zu. „Ich habe nach den Tritten gedacht, dass er tot ist.“ Nico G. schien es eher egal zu sein, ob Tony K. stirbt. „Kranke Aktion“, sagt Kevin I. heute dazu. Auch die anderen sprechen von einem „Fehler“. Und Tony K. hofft jetzt, „dass sie so lange wie möglich reingehen“, ins Gefängnis. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

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