Prozess in Berlin : Es sah aus wie eine Hinrichtung

Ein türkischstämmiger Berliner erschießt einen Griechen auf einem Parkplatz - mit neun Kugeln. Aus Sicht der Anklage meinte der Täter, sein Opfer habe die Ehre seiner Cousine beschmutzt.

Kerstin Gehrke

Neun Schüsse. Die Kugeln trafen den jungen Griechen in Kopf und Oberkörper. Frixos G. starb auf einem kleinen Parkplatz in Rudow. Es sah aus wie eine Hinrichtung. Musste der 25-Jährige sterben, weil er ein türkischstämmiges Mädchen zurückerobern wollte und aus Sicht eines Verwandten der damals 17-Jährigen deren Ehre beschmutzt hatte? Oder war es Notwehr, die zu den tödlichen Schüssen am späten Abend des 4. Januar vorigen Jahres führte?

Der Fall beschäftigt seit gestern das Landgericht. Zwei junge Männer sitzen auf der Anklagebank: Okhan Y., 21 Jahre alt, und Murat A., 24 Jahre alt. Die Anklage geht von einem Mord aus niedrigen Beweggründen aus. Der Hintergrund sei familiär. Frixos G. habe bis etwa Juni 2005 ein Liebesverhältnis mit der Cousine von Okhan Y. gehabt. Deren Familie sei mit der Beziehung aber nicht einverstanden gewesen, da die junge Frau mit einem Türken verlobt werden sollte.

Der Steglitzer Frixos G. ließ sich nach Überzeugung des Staatsanwalts von den Ansichten der Familie nicht sonderlich beeindrucken. Er habe mehrfach versucht, das Verhältnis zur Cousine von Okhan Y. wieder aufleben lassen, „wobei es auch zu weiteren sexuellen Kontakten zwischen ihnen kam“. Aus Sicht der Anklage war Okhan Y. der Meinung, dass der Grieche die Ehre seiner Cousine beschmutzt habe „und ihrer von der Familie geplanten Verlobung im Wege stand“. Daher habe er mit seinem mitangeklagten Freund einen Mordplan geschmiedet.

Ganz anders hörte sich die Version von Okhan Y. an. Keinerlei Rolle spielte demnach die intime Beziehung der Cousine. „Wir leben wie die deutschen jungen Leute, sexuelle Beziehungen sind ganz normal“, erklärte der 21-Jährige. Seine Familie habe mit traditionellen türkischen Lebensweisen wenig zu tun und sei auch nicht sehr religiös. Er habe Frixos G. vor etwa sechs Jahren kennengelernt, sich aber von ihm distanziert. „Er war mir zu kriminell“, sagte der junge Türke.

Okhan Y. bestritt nicht, dass er Frixos G. abholte und man gemeinsam zu jenem Parkplatz fuhr. Angeblich hatte der Grieche um das Gespräch gebeten. Es sei tatsächlich um Auseinandersetzungen zwischen den Familien gegangen. Dabei sei aber nicht über seine Cousine, sondern deren jüngeren Bruder gesprochen worden. Diesen habe G. in kriminelle Dinge verwickelt und auch verprügelt.

Nach Darstellung von Y. war es der Grieche, der auf dem Parkplatz aggressiv wurde. Er habe ihn festgehalten und gedroht: „Ich schneide euch den Kopf ab.“ Mit im Auto sei einer seiner Bekannten gewesen, sagte der Angeklagte. „Gott sei Dank hatte er eine Pistole dabei.“ Er habe schließlich auf Frixos G., der angeblich mit einem Messer bewaffnet war, geschossen, „bis es klick machte“. Alles sei in Panik geschehen. „Ich hatte Angst um mein Leben“, beteuerte der Todesschütze. Die Mutter des Opfers, die als Nebenklägerin mit im Gerichtssaal saß, konnte es nicht ertragen. „Alles Lüge“, rief sie. Der Prozess wird morgen fortgesetzt.

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