Schmerzmittelmissbrauch : Rasend im Rausch: Tilidin macht Serientäter aggressiv

Der Missbrauch des Schmerzmittels Tilidin vor allem durch junge Intensivtäter hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres rasant zugenommen. Die Substanz enthemmt Täter und macht unempfindlich, selbst gegen Pfefferspray.

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Dies berichten Kriminalbeamte. „In den letzten Wochen fällt uns bei Festnahmen fast immer eine Flasche Tilidin entgegen“, sagt ein für Serientäter zuständiger Kommissariatsleiter. Seine Leute müssen die Folgen tragen, denn das Mittel enthemmt die Täter und macht unempfindlich, selbst gegen Pfefferspray. „Die denken überhaupt nicht mehr nach, was sie tun“, sagt der Beamte. Im Tilidin-Rausch schlagen die auch dann noch wie rasend um sich, wenn sie von einer ganzen Gruppe Beamter umstellt sind, „die haben auf einmal acht Arme“.

Tilidin ist erst vor wenigen Jahren erstmals bei Kriminellen aufgefallen. Verboten ist das verschreibungspflichtige Schmerzmittel nicht, Tilidin-Fälle fallen unter „Rezeptfälschungen“. Die Kriminalstatistik (PKS) für 2009, die am Montag offiziell vorgestellt werden soll, nennt erneut eine deutliche Zunahme um 15 Prozent auf 536 Fälle. Bei den „echten“ Drogen hat vor allem Kokain zugelegt. In der PKS, die dem Tagesspiegel vorliegt, ist 2009 ein Anstieg von 15,7 Prozent erfasst. Bei Heroin gab es dagegen einen Rückgang von 9,1 Prozent.

Während die Drogen eingeschmuggelt werden, kommt Tilidin aus der Apotheke. In der Regel werden die erforderlichen Rezepte in Arztpraxen gestohlen, in der Charité haben ausgebuffte Diebe vor einiger Zeit gleich Blöcke mit 1000 Vordrucken erbeutet. Diese werden dann mit gefälschten Arztstempeln eingereicht, mittlerweile meist im Umland oder anderen Bundesländern. Denn Berliner Apotheker wurden mehrfach von Polizei und Verbänden gewarnt. Mittlerweile hat die Polizei sogar Erkenntnisse, dass die Rezepte auch erpresst werden. „Wenn drei junge Araber in der Praxis stehen, wollen manche Ärzte keinen Ärger.“ Manchmal stelle die Sprechstundenhilfe das Rezept gleich aus. In der Apotheke kostet die Flasche um die 30 Euro, auf dem Schwarzmarkt bringt sie das Fünf- bis Zehnfache.

Tilidin wird nach Angaben der Berliner Drogenbeauftragten Christine Köhler-Azara fast ausschließlich von muslimischen Jugendlichen genommen. Denn es gilt als Medikament – und nicht als von der Religion verbotene Droge. 2008 hatte Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) gefordert, Tilidin unter das Betäubungsmittelgesetz zu stellen. Doch mit diesem Vorstoß ist Berlin im Bundesrat gescheitert. Der Grund ist klar: Andere Länder wollen ihren Ärzten den bürokratischen Aufwand ersparen. Würde Tilidin wie ein Opiat behandelt, müssten alle Rezepte durchnummeriert und von einer Zentralstelle registriert werden. „Wir sind nicht weitergekommen“, räumte die Justizsenatorin ein, „wir behalten das aber im Auge“. Das LKA hatte deshalb von September 2008 bis September 2009 alle Daten zu Tilidin gesammelt, ein Ergebnis liegt noch nicht vor.

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