Regierender Bürgermeister Weizsäcker : Ruhe und Richtung für Berlin

Nur knapp drei Jahre lang war Richard von Weizsäcker Regierender Bürgermeister von Berlin, doch spricht man zu Recht von der "Ära Weizsäcker". In kurzer Zeit gab er der außer Rand und Band geratenen Stadt Richtung und Ruhe.

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Richard von Weizsäcker an seinem Schreibtisch im Rathaus Schöneberg im August 1981.
Richard von Weizsäcker an seinem Schreibtisch im Rathaus Schöneberg im August 1981.Foto: dpa

Schon zur Abgeordnetenhaus-Wahl 1979 war Richard von Weizsäcker Spitzenkandidat der CDU, damals in Berlin noch ziemlich unbekannt. Doch einmal blieb es noch in der traditionell sozialdemokratisch geprägten Stadt bei der sozial-liberalen Koalition unter Dietrich Stobbe, obwohl sie von Flügelkämpfen der SPD wie FDP und Senatsquerelen geprägt war. Weizsäcker nutzte die Zeit, auch als Bundestagsvizepräsident von Bonn aus sehr genau zu beobachten, wie es in Berlin gärte, und die CDU der Stadt unauffällig auf Kurs zu bringen. Die Hausbesetzer-Szene und denkwürdige Affäre um den Architekten und Bau-Unternehmer Dietrich Garski brachten das Fass dann zum Überlaufen.

Stobbe stürzte schließlich am 15. Januar 1981 über die gescheiterte Senatsumbildung, seine SPD-Kandidaten fielen durch. Bonn schickte den Bundesminister Hans-Jochen Vogel als Nachfolger, der auch strengstens aufzuräumen begann, aber zu spät, er konnte es nicht schaffen, die SPD hatte ausgespielt und war erschöpft. Die erst 1978 gegründete Alternative Liste als Vorläufer der Grünen und die CDU starteten ein Volksbegehren zur Auflösung des Abgeordnetenhauses und Neuwahlen. In Scharen gaben die Berliner ihre Unterschrift,  Weizsäcker unterschrieb auch gleich bei der AL. Und als am Palmsonntag bei Krawallen die Schaufenster am Kurfürstendamm zu Bruch gingen, war Vogel klar, dass er verloren hatte.  

Nur von Weizsäcker war die Ruhe selbst

Die Wahl am 10. Mai brachte der Berliner CDU mit stolzen 48 Prozent ihr bestes Nachkriegsergebnis. Mit der AL zog erstmals eine vierte Fraktion mit gleich 7,2 Prozent der Stimmen in das Parlament  ein, eine unruhige, aufmüpfige, ungeliebte Fraktion. Es war eine Sensation. Nur zwei Stimmen fehlten Richard von Weizsäcker zur absoluten Mehrheit. Doch die Regierungsbildung erwies sich als schwierig, denn die zerrissene FDP lehnte die Koalition mit der CDU ab, auch der FDP-Bundesspitze passte ein Koalitionswechsel in Berlin nicht in den Kram, noch nicht.

Richard von Weizsäcker und Berlin
Anderer Kanzler, gleicher Regierender: 1983 besichtigt von Weizsäcker mit dem damaligen US-Vizepräsidenten George M. Bush und Bundeskanzler Helmut Kohl die Mauer.Weitere Bilder anzeigen
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31.01.2015 12:33Anderer Kanzler, gleicher Regierender: 1983 besichtigt von Weizsäcker mit dem damaligen US-Vizepräsidenten George M. Bush und...

Nur der stets gegenüber jedermann liebenswürdige Weizsäcker war die Ruhe selbst. Er bildete mit psychologischem Geschick und kühlem politischen Kalkül einen CDU-Minderheitssenat, den einige FDP-Abgeordnete gern tolerierten. In der CDU hatte Weizsäcker wie selbstverständlich freie Hand. Neue Senatoren von außerhalb der Stadt wie Norbert Blüm und Hanna-Renate Laurien saßen nun neben alt gedienten Berlinern wie Heinrich Lummer, liberal gefärbte neben stramm konservativen. Erst nachdem in Bonn die sozialliberale Koalition von Helmut Schmidt zu Bruch gegangen war, konnte Weizsäcker auch im Rathaus Schöneberg eine CDU/FDP-Koalition bilden.

"Häuptling Silberlocke" nannten ihn die Jungen in der CDU

Eigentlich war er ein Stadtpräsident. Er regierte mit freundlicher Autorität in schwieriger Situation. „Mit seltner Kunst fügst du der Götter Rat und deine Wünsche klug in eins zusammen“, zitierte er gern aus Goethes Iphigenie mit verhaltenem Lachen. „Häuptling Silberlocke“ nannten ihn die Jungen in der CDU, oder „Sir Richard“. Manche sprachen ein bisschen schnodderig nur von „Richie“.  Ein Machtpolitiker war er schon, aber den kehrte er nicht heraus. Eine Aura des Respekts umgab ihn, eine bei allem Witz und sogar volkstümlichen Humor gewisse Unnahbarkeit. Wenn ihm jemand zu nahe trat, bekam er „schwarze Augen“, das reichte.     

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