100 000 Euro für Schulen in Problemkiezen : Wohin mit dem Geld?

Berlinweit sollen im Rahmen eines Bonusprogramms über 200 Schulen bis zu 100 000 Euro extra bekommen. Die Schulen werden damit gestärkt, hofft die Bildungssenatorin. Doch was genau die Schulen mit dem Geld anfangen können, ist noch immer unklar.

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Die SPD-Politiker Raed Saleh und Ralf Wieland im Gespräch mit Weddinger Jugendlichen.
Die SPD-Politiker Raed Saleh und Ralf Wieland im Gespräch mit Weddinger Jugendlichen.Foto: Georg Moritz

Es liegt auch am Fußball. Das sagt jedenfalls Ismail auf die Frage, warum viel mehr Mädchen als Jungen zur Nachhilfe kommen: „Ich kenne viele Jungs, die die Schule vernachlässigen, weil sie dauernd zum Training gehen. Sie haben im Fernsehen gesehen, dass man da berühmt werden kann. Sie glauben, das ist einfacher als Schule.“

Er selbst trainiere zwar auch ab und zu im Fitnessstudio, sagt der 17-Jährige, aber noch häufiger geht er in den Medienhof. Das ist ein Hinterhof mitten im Soldiner Kiez in Wedding, und dort sind die Räume des Projektes Sprint, das kostenlose Nachhilfe und Förderunterricht für Schüler ab der fünften Klasse anbietet. „Ich will meinen Mittleren Schulabschluss machen, dann Abitur und später mal studieren“, sagt Ismail, der in die zehnte Klasse des Gymnasiums Tiergarten geht.

Heute hat er einen Zeitungsartikel dabei, den Essay über Sterbehilfe soll er für Ethik lesen. Er unterstreicht Wörter und Sätze, die er nicht versteht, die lässt er sich später von einem der studentischen Nachhilfelehrer erklären.

Bis zu 70 Kinder und Jugendliche kommen jeden Nachmittag unter der Woche hierher. Sie haben fast alle einen Migrationshintergrund, ihre Eltern sprechen türkisch oder arabisch, viele sind arm. Einen eigenen Schreibtisch haben die Kinder zu Hause selten, und auch niemanden, der ihnen die Hausaufgaben erklärt. „Meine Eltern haben mich ermutigt, hierher zu kommen, weil sie wissen, dass sie mir nicht helfen können“, sagt ein Mädchen. Und außerdem sei es eine erlaubte Möglichkeit für sie, aus der elterlichen Wohnung herauszukommen, sagt eine andere. Die Sprint-Lehrer gehen auch in die Schulen, machen Sprachförderung in kleinen Lerngruppen oder assistieren den Lehrern.

Der Soldiner Kiez ist eine der ärmsten Gegenden in Berlin – und fast alle Schulen im Umkreis werden ab Februar nächsten Jahres vom neuen Bonusprogramm profitieren. Berlinweit sind es 216 Schulen, die bald bis zu 100 000 Euro zusätzlich bekommen. In dieses Programm werden von allen Seiten große Hoffnungen gesetzt. Bundesweit einzigartig und ein ganz neuer Ansatz, die Autonomie der Schulen zu stärken sei es, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres.

Auch die Neuköllner Schulstadträtin Franziska Giffey, in deren Bezirk 44 Schulen vom Programm profitieren, spricht von einem Paradigmenwechsel. „Ich habe von Lehrern und Erziehern nur positives Feedback bekommen, das ist sonst eher selten“, sagt Giffey. Doch welche Probleme sind es, die die Schüler haben, woran hapert es in den Schulen? Bei Sprint kommen an diesem Nachmittag Schüler, Lehrer und Politiker zusammen, um darüber zu diskutieren.

Zu Besuch sind Raed Saleh, der Berliner SPD-Fraktionschef und sein Parteikollege Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses. Der Soldiner Kiez ist Wielands Wahlkreis, er kennt und unterstützt das Projekt Sprint seit langem. Raed Saleh, selbst als Fünfjähriger aus dem Westjordanland nach Berlin gekommen, hat das Bonusprogramm initiiert. „Wir brauchen eine Aufstiegskultur, keine Willkommenskultur, die meisten der Kinder, von denen wir reden, sind doch in Berliner Krankenhäusern geboren worden“, sagt Saleh.

Das bestätigen auch die anwesenden Jugendlichen. Ob sie in eine Kita gegangen sind, will Saleh dann wissen. Alle verneinen. „Das wäre aber wichtig gewesen“, sagt ein Mädchen. Sie habe Deutsch nur von ihrer älteren Schwester gelernt. Die anderen nicken – Bestätigung für Saleh, der im Sommer mit seinem Vorschlag einer Kita-Pflicht in der Politik nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist. „Damit wäre uns sehr geholfen“, sagt Katrin Baumhöver, Leiterin der Vineta-Grundschule.

Über 90 Prozent ihrer Schüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Von der Sprache hängt es ab, ob Aufstieg überhaupt möglich ist, da sind sich alle einig – und auch darin, dass noch viel mehr getan werden muss zur Förderung, denn häufig scheitert der schulische Erfolg daran, dass die Jugendlichen die Textaufgaben und fachsprachlichen Schulbücher nicht verstehen.

Und was wollen sie mit dem Geld aus dem Bonusprogramm anfangen? Damit könnten sie Förderunterricht etwa durch Lehrer des Sprint-Projektes langfristiger sichern, sagen die Schulvertreter. Ein Problem sei nämlich, dass viele Lernhilfen über das Bildungs- und Teilhabepaket nur temporär gewährt werden und mit hohem bürokratischen Aufwand für Schulen und Familien verbunden seien.

Aber am allerliebsten, sagt der stellvertretender Leiter der Herbert-Hoover-Sekundarschule, würde er sich ein neues Schulhaus bauen. Denn Helfer habe er eigentlich schon ganz schön viele, aber Räume, um Teilungs- und Förderunterricht zu ermöglichen, die gebe es nicht.

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