Schule : 450 Bücher, viele Erinnerungen

Seit 1964 trifft sich eine Abiturklasse des Eckener-Gymnasiums, um mit ihrem Deutschlehrer zu lesen

Juliane Primus

Zwischen Aischylos‘ „Orestie“ und Emile Zolas „Thérèse Raqin“ wurden Kinder geboren und Ehen geschieden, graue Haare sind gewachsen und die Beatles von der Chart-Spitze in die Oldie-Rubrik gerutscht. Und doch hat sich seit 45 Jahren nichts geändert in der „Urmoneit-Runde“. Ungefähr zwölf Ehemalige – mal einer mehr, mal zwei weniger – des Abiturjahrganges 1964 des Mariendorfer Eckener-Gymnasiums versammeln sich alle vier bis sechs Wochen, um ein Buch zu besprechen.

Selbst bekennender „Generalfeldmarschall“ und Namensgeber der Runde ist Jürgen Urmoneit, der ehemalige Deutschlehrer der Klasse 13r2. Das Prozedere ist immer das gleiche: Zuerst werden Ort und Datum für das nächste Treffen vereinbart, neue Buchvorschläge werden eingereicht, die Runde stimmt demokratisch über den nächsten Titel ab und dann wird bei spanischem Wein das Gelesene besprochen.

„Je älter wir werden, desto interessanter werden natürlich die Zipperlein, doch die Literatur bleibt verbindendes Moment“, sagt Jutta Berndt und fügt hinzu: „Wir wissen gar nicht mehr, was wir alles gelesen haben.“

Mehr als 450 Titel sind mit den Jahren zusammengekommen, Lyrik und Prosa, Sachliteratur, amerikanische und österreichische Werke, dicke Wälzer und schmale Heftchen. „Manchmal ist es auch ein ödes Buch“, gibt Roland Hurek zu. Er hat sich erst vor fünf Jahren als Nachzügler für „Urmoneit“ entschieden – nachdem er das Ganze 40 Jahre lang beobachtet hatte. Der gebürtige Thüringer kennt die anderen seit seinem 15. Lebensjahr, als er nach West-Berlin kam, um Abitur machen zu können. Als Pfarrerssohn wurde Hurek das in der ehemaligen DDR verwehrt.

„In unserem Arbeiter- und Bauernstaat nehmen wir vorzugsweise Kinder von Arbeitern und Bauern in die Oberschule auf. Aus diesem Grund müssen wir ihren Sohn zurückstellen.“ So oder so ähnlich hieß es in der Begründung der Schulbehörde. Rolands Vater fackelte nicht lang und setzte seinen Sohn an einem heißen Sommertag im Jahr 1960 in den Zug nach West-Berlin. „Ich durfte ja kein Gepäck bei mir haben und schwitzte wie verrückt“, erzählt Hurek. Auch die Angst vor den damals üblichen Kontrollen in der Ringbahn ließ seine Knie schlottern. Doch Hurek kam wie geplant im Evangelischen Schülerheim in Grunewald an, Ku’Damm und Kinos direkt vor der Nase.

Die Eltern blieben in der DDR, er sollte sie erst 1964 wiedersehen. Täglich fuhr er vom Heim gemeinsam mit seiner Klassenkameradin Ursula Syring-Dargies, ebenfalls Pfarrerskind, zur Eckener-Schule. „Wir gehörten zu einer der drei Schulen in West-Berlin, die sogenannte Ost-Klassen hatten und Russisch als erste Fremdsprache anboten“, erklärt Jürgen Urmoneit, der damals noch Referendar war und seine Schüler mit Jazz-Musik und Brecht-Texten versorgte; mittlerweile geht er stramm auf die Achtzig zu. „Manche Mitschüler kamen jeden Tag aus Ost-Berlin oder zum Beispiel aus Klein-Machnow“, erinnert sich Syring-Dargies. Nach den Ferien zwischen 10. und 11. Klasse fehlten zehn Schüler, es war der Sommer des 13. Augusts 1961. „Wollt ihr nicht mal eure Freundinnen abfahren und fragen, ob sie rüber wollen“, wurde Syring-Dargies von ein paar betreuenden Studenten des Schülerheimes gefragt. Erst die dritte Freundin, Margit aus Köpenick, sagte Ja, sie wurde mit einem falschen Pass versorgt und konnte ihr Abitur machen.

„Die anderen beiden Mädchen dachten, dass die Mauer nicht lange andauern würde oder hatten sich gerade frisch verliebt“, erinnert sich Syring-Dargies, die inzwischen wieder „im Osten“ wohnt. Wenn Syring-Dargies Gastgeberin des Leseabends ist, pendeln die anderen eben wie vor 50 Jahren. Eigentlich hat sich nicht viel geändert an der Urmoneit-Runde: „Die Mannschaft ist zäh“, sagt Jürgen Urmoneit und legt eine Gedichtsammlung von Hans Arp auf den Tisch. Juliane Primus

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